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Zwischen Tschador und Facebook Verbot – Mit dem Gleitschirm im Iran

By Esther Ecke – Travel

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“ – die Faszination für das Element Luft wächst stetig und damit auch die Gemeinschaft der Paraglider. Immer mehr Menschen erfüllen sich den Traum vom Fliegen. Für viele bleibt Gleitschirmfliegen aber in aller erster Linie eins: Völlig verrückt. Gleitschirmfliegen im Iran? Definitiv noch verrückter. Marcel Geser, 36, aus der Schweiz, hat sich gemeinsam mit vier Freunden auf dieses Abenteuer eingelassen.

 

 

Gleitschirmfliegen auf Persisch
Wie organisiert man eine Gleitschirmreise in den Iran? „Schon der Versuch, frühzeitig ein Visum zu beantragen, scheiterte kläglich.“, lacht Marcel. „Am Vorabend der Abreise bekam ich die Telefonnummer eines befreundeten Iraners, den ich letzten Sommer beim Base-Jumpen kennengelernt hatte. Das war für uns erstmal der einzige Anhaltspunkt“.  In Teheran gelandet und mit dem Flughafen „Iman Khomeini“ im Rücken, wählen die abenteuerlustigen Jungs besagte Nummer. Der Mann am anderen Ende der Leitung heißt Mehdi. Ein junger, verrückter und gastfreundlicher Iraner, der die Truppe prompt zum Mittagessen einlädt. Dort  werden sie direkt in Mehdi’s Freundeskreis eingeführt: darunter auch Mahmood Lashgari, der Star der iranischen Acro-Szene (Acro = akrobatisches Gleitschirmfliegen / Anmerkung der Redaktion). Iran’s Paragliding Community ist aktiv und größer als zuvor angenommen. Mahmood gehört zur türkischsprachigen Minderheit der Azeris und hat mehrere Monate über dem türkisfarbenen Meer von Ölüdeniz das Infinity Tumbling (reiner Vorwärtslooping / Anmerkung der Redaktion) geübt. Durch einen längeren Auslandsaufenthalt in Istanbul ist Marcel der türkischen Sprache mächtig – perfekt, denn Mahmood spricht kaum Englisch. Sein Ziel ist das Kaspische Meer. Dort gibt es einige gute Fluggebiete und die Jungs sollen ihm folgen.

 


An ihrem Zielpunkt angekommen stockt den weitgereisten Piloten der Atem: Grün, soweit das Auge reicht. Der Anblick ähnelt der Aussicht vom Hausberg in der Schweiz. Der Unterschied? Am Kaspischen Meer ist es wärmer und das Brot ist flach. Eingemietet in einem großzügigen Chalet wird tagsüber geflogen, abends getanzt und gefeiert. Die Kopftücher der anwesenden Damen verschwinden und eine Weinflasche macht die Runde – Auch das ist Iran! Die Landschaft des Iran ist vielfältig. Marcel schwärmt von einem Flug in Lali (Chuzestan). Ein Kontrastprogramm zu der grünen Aussicht am Kaspischen Meer. „Eine braune Hügellandschaft erstreckte sich vor meinen Augen. Eine kleine Bergkette. Vereinzelte Flüsse, die sich durch die Mondlandschaft schlängeln – einfach atemberaubend“, schwärmt Marcel. „Und am Landeplatz warten meine Freunde, eine Kanne Tee und eine Blaubeer-Shisha – das ist Gleitschirmfliegen auf Persisch!“.
Der Iran – ein Paradies für Gleitschirmflieger? Nicht immer. Isfahan stand von vorneherein auf der Bucket List der Reise. Fliegen war dort aber nicht erwünscht. „Wir wurden gebeten, die Startplätze um Isfahan zu meiden. Bereits einmal habe sich ein ausländischer Pilot nicht an die Abmachungen gehalten und sei auf dem Boden der geheimen Nuklear-Anlagen gelandet. Resultat war ein mehrmonatiger Gefängnisaufenthalt für den Slowaken und massive Einschränkungen für inländische Piloten.“, erzählt Marcel auf die Frage, was dem Höhengenuss rund um Isfahan im Wege stand. Isfahan steht somit nur als klassischer Tourist auf dem Programm.

 

 

 

 

Von der Wüste in den Schnee
Von Isfahan geht es in den Süden des Landes, genauer gesagt nach Chuzestan. Am frühen Morgen angekommen in der heißen Öl-Stadt Ahvaz wartet eine Überraschung: Mehrdad hat einen kompletten Bus für die Gruppe organisiert. Nach dem ortstypischen Frühstück (Vanille-Eis mit frisch gepresstem Karotten-Saft) werden die Piloten von Merdad’s VIP-Shuttle zum Landeplatz gefahren. 37 Grad im Schatten. Schwer erträglich. Die gute Thermik trägt die Piloten schnell 1800 Meter über den Startplatz. 2000 Meter über dem Meer ist die Temperatur angenehm. Möglichst lange oben bleiben, ist heute die Devise. Am liebsten, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Der Blick von oben reicht über die karge flache Ebene bis in den Irak. Über eine halbe Million Iraner und Iranerinnen mussten ihr Leben lassen, weil Saddam Hussein unter anderem den Ölreichtum dieser Provinz für sich beanspruchte. Die Bilder der sogenannten Märtyrer (mit Schnurrbärten und 80er Frisuren) prägen noch heute jedes iranische Stadtbild.

 

 


Ein weiteres Highlight der Reise: Soaren in der Wüste. (Soaren = mit dem Gleitschirm im Hangaufwind Höhe zu gewinnen) Mit dem Schirm den Sandhügel hoch zu rennen, die Füße durch den Sand zu ziehen und über der Wüste zu schweben – ein einmaliges Erlebnis. Hätte der Wind nicht irgendwann abgestellt, sie wären heute noch da. Der letzte Tag in Teheran wollte optimal genutzt werden. Diesmal nicht in der Luft, sondern im Schnee. Iran macht’s möglich. Am nördlichen Rand Teherans verbindet eine zwölf Kilometer lange Seilbahn die Stadt mit dem fast 4000 Meter hohen Totschal. Skis und ein Snowboard werden gemietet und der Wintersaison 2015/16 eine unvergessliche Krone aufgesetzt.
„Dieses Land hat viel mehr Gesichter, als uns westliche Medien weismachen wollen“, resümiert Marcel. „Eins steht fest: Wir kommen wieder!“.

 

All images © Marcel Geser / Wouter Janssen

Esther Ecke
Content Curator
Getreu ihrem Motto „Being interested is a talent“ schreibt Esther über alle Themen, die ihr über den Weglaufen und ihr Interesse wecken. Zwei ihrer großen Leidenschaften sind die Musik (insbesondere Rap) und Marokko, wo sie einige Zeit gelebt hat.