• nadina-memagic-1-nina-lizdek

ZeroWaste-Lifestyle (nicht nur) während des Ramadan – ein Gespräch mit Nadina Memagic

By Ömer Mutlu – Gesellschaft, Interview, Stories

Nadina Memagic ist Schauspielerin und Klavierlehrerin, ernährt sich vegetarisch, reist viel, liebt Vintage und achtet dabei stets auf einen nachhaltigen Lifestyle. Kennenlernen durfte ich die gebürtige Bosniakin im Zuge eines Projektes, welches vom MFI (Münchner Forum für Islam e.V.) veranstaltet wurde.

Ich erinnere mich gerne an eine witzige Situation: Als ich das erste Mal bei ihr in der Wohnung war, sah ich im Badezimmer eine Messingkanne, womit sich Muslime den Hintern waschen. Ab da wusste ich, ganz egal, ob du ein Türke oder eine Bosniakin bist, anscheinend gibt es immer etwas, ein kleines Detail, welches Menschen verbindet.

Liebe Nadina, hast du die kupferne Kanne noch?
Klar! Für den Po nur das Beste! 🙂

Mir fiel damals auf, dass du in deinem Kühlschrank keine Einwegverpackungen hast. Alles war fast nur in Glasbehältern drin. Seit wann lebst du den „ZeroWaste-Lifestyle“?
Es war und ist immer noch ein sehr schleichender Prozess, aber ich würde sagen, seit drei Jahren sind wir dabei, unseren Müll zu reduzieren.

Füllst du die eingekauften Lebensmittel um oder hat sich dein Einkaufs- bzw. Konsumverhalten auch geändert?
Mein Konsumverhalten hat sich komplett verändert! Ich war als Kind schon sehr bewusst, damals war aber Recycling der Höhepunkt der Nachhaltigkeit für mich. Als Studentin, zwischen durchschnittlich 10 Stunden in der Schule am Tag, unterrichten, kellnern und irgendwie über die Runden kommen, gab es dann doch öfter das 50-Cent-Scheibenbrot und eingeschweißten Käse und es wurde beim H&M-SALE zugeschlagen. Heute kaufe ich, nur mit Stoffbeuteln und Schraubgläsern ausgerüstet, im Bio-Markt oder im verpackungsfreien Laden ein. Kleidung kaufe ich nur noch Secondhand im Laden oder bei Kleiderkreisel und auch nur, wenn ich etwas wirklich brauche und nicht, wenn mir nach Shoppen ist. Und, da wir sowieso sehr minimalistisch leben, nur das Nötigste kaufen und uns bemühen, keine Lebensmittel wegzuwerfen, bleibt halt mehr Geld für fair gehandelte und ökologisch produzierte Lebensmittel und den guten Käse von der Theke. Und um Käse dreht sich schließlich die Welt, nicht wahr?

nadina-memagic-jean-marc-turmes-compressor

Was bedeutet es für dich, nachhaltig zu leben und wie kam die Entscheidung?
Je mehr ich mich damit auseinandersetze, lese und erfahre, desto mehr achte ich auf meinen Konsum und mein Verhalten. „Ignorance is bliss“ gibt’s bei mir nicht.
Nachhaltig zu leben ist viel mehr als Mülltrennung und Ökostrom. Für mich bedeutet es, das, was man denkt, predigt und tut, in Einklang zu bringen. Die Schöpfung zu achten, als sei es dein Augapfel. Sich dessen bewusst sein, dass die Banane, die man zum Frühstück isst, nicht nur ein unfassbar leckerer Segen ist, sondern auch mit Schweiss begossen wurde. Menschen und deren Arbeit zu respektieren und würdigen, ideologisch und vor allem monetär. Alternative Finanzsysteme fördern und unterstützen. Zeit und Geld in Kinder und Bildung investieren anstatt in Kinderarbeit. Gesund bleiben. Nachhaltigkeit bedeutet für mich, Qualität über Quantität. Es ist ein ganzheitlicher Lebensstil und spiritueller Bewusstseinszustand. Karma und so. 🙂 Klingt alles super anstrengend und kompliziert, ist es aber nicht. Man muss nur sein Denken einmal umprogrammieren. Dann klappt es!

Gibt es viele in deinem Umfeld, die danach leben?
Ich habe das Glück, von – meiner Meinung nach achtsamen und aktiven Menschen – umgeben zu sein! (an dieser stelle ein digitaler high-five an meinen Öko-Soulmate-Gemahlen!) Mein ganzer Freundeskreis zum Beispiel benutzt mittlerweile mein selbstgemachtes Deo. Besonders freut es mich natürlich, wenn ich die Veränderung des Handelns und Verhaltens von jemandem ankurbeln kann. Das ist auch mein Ziel: Leute nicht zum Denken anregen, denken tut jeder, sondern zum Machen motivieren! Deswegen auch die ZeroWaste-Iftar-Challenge.

Dieses Jahr an Ramadan habe ich das erste Mal von „Plastik-Fasten“ gehört. Machst du da auch mit?
Klar! Auch, wenn ich Plastik schon seit drei Jahren faste, wird in dieser Zeit natürlich besonders drauf geachtet, dass sich nichts ins Haus schleicht.

Werden deiner Meinung nach Themen wie Nachhaltigkeit, Innovation usw. genug behandelt? (Bezogen auf die Gesellschaft generell, aber auch auf muslimische Communities)
Behandelt wird es allemal und ausgiebig! Wir können uns aber den Mund fusselig reden, nützen tut es nicht. Wir müssen handeln! Jeder einzelne im Rahmen seiner Möglichkeiten. Besonders Muslime sollten in puncto Umweltschutz und Nachhaltigkeit Spitzenreiter sein! Wir sollten über das ganze 9/11-Gedöns hinausdenken, wer wie und ob überhaupt betet, sein Kopftuch oder Bart trägt und weniger darüber prahlen, was die Medizin alles UNS zu verdanken hat und dass wir ja die Kanalisation erfunden haben.

Mal ehrlich, ein Großteil des Umsatzes von Billigmodemarken und Discountern kommt wahrscheinlich von Muslimen. Und wir kennen alle die überfüllten Kleider- und Kühlschränke, bei denen regelmäßig ein Viertel des Inhalts im Müll landet.
Uns darf ein Halal-Zertifikat nicht genügen. Es ist unsere Aufgabe, als Gläubige alles zu hinterfragen! Wir müssen zurück zu unserer Wahrheit und unserer Spiritualität finden. Die Schöpfung ehren und beschützen, deswegen sind wir ja hier.

Gibt es etwas typisch bosnisches, was du an Ramadan gerne machst?
Ich weiss nicht, ob das typisch bosnisch ist, aber in Bosnien wird in den Moscheen nach dem Nachmittagsgebet ein Juz’ des Qur’ans, also ca. 20 Seiten, rezitiert. Besonders schön ist es, wenn man im Garten einer kleinen Moschee sitzt und mitlauscht und liest.

zerowaste-2

The trash I made by cooking #iftar for 6 tonight, two rubber straps from our weekly veggies provider which I will return for them to reuse. #zerowasteiftarchallenge #ramadan2017 #meinramadan #ramadanplastikfasten2017 #zerowaste

Ömer Mutlu
Founder

5 Comments

  1. Vesile Juli 4, 2017 at 1:39 pm - Reply

    Hamma…echt coole Einsteelung

    • Vesile Juli 4, 2017 at 1:39 pm - Reply

      Hamma…echt coole Einstellung

      • Ömer Mutlu Oktober 5, 2017 at 10:20 am - Reply

        Da wird sich Nadina freuen 🙂 Danke für dein Kommentar

  2. Martina Neumann September 11, 2017 at 9:53 am - Reply

    Schönes Interview…. das es auch solche Leute gibt!
    Wirklich inspirierend… jetzt nur noch handeln 😉

Leave A Comment