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You and I – Begegnung mit einer jordanischen Künstlerin

By Mathis Gann – Photography, Street-Art, Top-Stories, Travel

„Links unten. Links unten schimmert noch rot durch.” Mohammed blickt zu mir, als erwarte er meine Zustimmung. Prüfend schaue ich das mehrere Meter hohe Wandgemälde an. „Er hat Recht”, sage ich zu Miramar gewandt. Sie sieht sich das kleine ausgedruckte Foto an, welches ihr als Vorlage dient, tunkt ihre Farbrolle in die dunkelblaue Acryl-Mischung und widmet sich wieder ihrer Arbeit.

Miramar ist 20 Jahre jung und freischaffende Künstlerin. Genauer: Malerin. Meist malt sie auf Leinwand. An diesem trocken-heißen Tag jedoch verschönert sie eine der vielen langweiligen, sandfarbenen Häuserfronten in ihrer Heimatstadt Amman, Jordaniens Hauptstadt.

Bei den meisten ihrer Kunstwerke arbeitet sie eigenständig, unabhängig, ganz nach ihren Vorstellungen. Heute jedoch setzt sie ein Projekt für das jordanische Künstlerkollektiv Baladk Project um. Die Gruppe bringt mit jährlich wiederkehrenden Streetart-Events etwas Farbe in die Vier-Millionen-Stadt Amman.

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Für die diesjährige Ausgabe des Events, die unter dem Motto „You and I” stattfindet, hat sich Miramar ein ganz besonderes Motiv ausgesucht. Als Vorlage dient ihr eine Modefotografie des Künstlers Dominik Tarabanski. Sie zeigt eine Frau und einen Mann, nah, intim, und gleichzeitig etwas distanziert und kühl. Kopf an Schulter, Kopf an Kopf, dicht bei einander – ohne sich jedoch zu umarmen.

Mit viel Geduld bringt Miramar die Farbe hoch über ihrem Kopf an der Wand an, Strich für Strich. Ihre Schuhe sind voller Farbklekse. Immer wieder streicht sie sich Strähnen ihrer dunklen Locken aus dem Gesicht – mit Händen, die ganz blau sind von der Farbe. Mohammed, ein Freund und treuer Unterstützer, hilft ihr bei ihrer Arbeit. Unermüdlich mischt er Farben, reicht Pinsel, hält die Vorlage oder sichert die Leiter.

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Die Wand, an der Miramar mit Mohammed zwischen Pinseln und Farbeimern ihrer Arbeit nachgeht, ist von einer kleinen, belebten Kreuzung im Zentrum Ammans einsehbar. Schräg gegenüber ist eine Schule für religiöse Studien. Der Unterricht hat soeben geendet, Schüler strömen heraus, Eltern suchen ihre Kinder, Autos hupen – überhaupt scheint sich die ganze Stadt in einen frühen, hektischen Feierabendverkehr zu stürzen.

Immer wieder bleiben Vorbeieilende stehen, beobachten Miramar bei ihrem Tun, stellen Fragen, diskutieren. Die Jordanierin mit irakischen Wurzeln berichtet, dass sie und ihre Freunde von vielen Menschen angesprochen würden. Ich freue mich für sie – doch dann fügt Mohammed hinzu, dass heute der größte Teil der Reaktionen negativ gewesen sei.

Zu ärgern oder gar zu entmutigen scheint das die beiden jedoch nicht. „Vielen Leuten gefällt diese moderne Art der Kunst eben nicht so”, erklärt Mohammed. Und Miramar meint: „Vielleicht stört es sie, dass die Personen im Gemälde dunkelhäutig, afrikanisch aussehen. Weißt du, es gibt hier ein Rassismusproblem.”

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Ein solches Problem passt eigentlich nicht zu dem Bild, das Jordanien gerne von sich zeichnet: Weltweit gilt es als vergleichsweise modernes, offenes und sicheres Land. Vergleichsweise, das heißt hier: bezogen auf viele andere Länder der MENA-Region und auf einige der direkten Nachbarn (wie Syrien, Irak oder Saudi-Arabien). Das Mit- oder Nebeneinander der arabischen Christen und Juden im Land mit der sunnitischen Mehrheit geht bislang zumeist friedlich von statten. Der seit 1999 das Land regierende König Abdullah II. ist in weiten Teilen der Bevölkerung beliebt und gilt als „Reformer”, der viel für das Ansehen seines Landes tue.

Dennoch, das fortschrittliche Image, das sich Jordanien gerne (insbesondere gegenüber Touristen) gibt, es scheint nicht immer der Wahrheit zu entsprechen. So ist in der Kunstszene die Zensur durch staatliche Stellen, die sogenannten „Sittenwächter“, ein großes Problem – auch wenn nur wenige Künstler*innen sich trauen, hieran offen Kritik zu äußern.

Nicht erst mit dem arabischen Frühling wurden Stimmen laut, die sich über Ungleichheit und Ungerechtigkeiten beschweren. Auch die überwiegend korrupte politische Klasse sorgt für Unmut. Häufig werden zudem persönliche Freiheiten eingeschränkt. So steht es beispielsweise seit einigen Jahren unter verschärfter Strafe, den König offen zu kritisieren.

Anspruch und Wirklichkeit Jordaniens sind demnach wohl weiter von einander entfernt, als das beim ersten Blick zu vermuten ist. Politische Opposition, kritische Kunst, ein zu lautes Vertreten unpopulärer Standpunkte – all dies bleibt schwierig hier in Amman. Um so interessanter scheint da die Arbeit von Künstlerinnen wie Miramar in diesem spannungsgeladenen Umfeld und einem von konservativ-islamischer Einstellung dominierten Land.

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Ich beobachte den langsamen, aber stetigen Fortschritt am Wandgemälde. Neben der Hautfarbe der beiden von Miramar gezeichneten Figuren, könnte noch etwas anderes für Reibung sorgen. Zwischen dem Originalfoto und ihrem Kunstwerk gibt es einen entscheidenden Unterschied: Bei ihr sind beide Personen Männer. „Morgen zeichne ich die Konturen, dann wird man es erkennen.”

Zwei Männer, so intim? Vielen Menschen liegt der Gedanke an ein schwules Paar hier wohl so fern, dass sie beim Anblick des Wandbildes vielleicht gar keine solche Assoziation hätten. Zudem sind in den arabischen Kulturen körperliche Nähe oder auch Zärtlichkeiten zwischen Freunden nichts Außergewöhnliches oder automatisch mit Homoerotik verbunden. Im Gegenteil: Männer, die Hand in Hand oder Arm in Arm laufen, sind beispielsweise ein normaler Teil des Straßenbildes.

Homosexualität jedoch ist in Jordanien bislang gesellschaftlich kaum akzeptiert, obwohl (im Gegensatz zu vielen benachbarten Ländern) vor dem Gesetz nicht strafbar. Wer sich offen für mehr Akzeptanz und LGBT*Q-Rechte einsetzt, sieht sich unter Umständen mit Anfeindung, Ausgrenzung oder gar körperlicher Gewalt konfrontiert.

Ob sie ihr Kunstwerk als politisch bezeichnen würde, frage ich Miramar. Wie bei den meisten meiner Fragen, muss ich länger auf eine Antwort warten. Nicht, weil die Künstlerin nicht weiß, was sie sagen soll. Vielmehr scheint sie ihre Gedanken zu sortieren, bevor sie ihre vorsichtig gewählten Antworten formuliert. Natürlich beeinflusse ihre politische Meinung die Arbeiten, sagt sie schließlich. Aber dennoch: „Ich würde meine Kunst nicht als politisch bezeichnen.“ Und im Bezug auf ihr aktuelles Projekt fügt sie hinzu: „Das Motiv hat vielmehr eine ganz persönliche Bedeutung für mich.” Was das konkret bedeutet, werde ich noch erfahren.

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Am Tag darauf kehre ich zurück an den kleinen Platz in Amman. Es hat sich Einiges verändert. Die Konturen auf dem Wandgemälde sind klarer geworden; es wird deutlicher, dass hier zwei Männer zu sehen sind. Auch hat das Interesse an Miramars Kunstaktion noch weiter zugenommen. Geduldig beantwortet sie die Fragen der Passanten.

Oft wird von jenen zuerst Mohammed angesprochen. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, dass die Frau in dieser Gruppe die Künstlerin sein soll. Miramar lacht. Sie nimmt diesen Sexismus mit Humor – oder versucht ihn zu ignorieren. „Aber wenigstens sind die Reaktionen heute positiver ausgefallen.” Die Leute sind interessiert an der Aktion, wollen mehr über Miramars Kunst und ihr Leben als freischaffende Künstlerin erfahren oder erkundigen sich nach dem Veranstalter Baladk Projects.

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Ich beobachte die Gesichter der Taxifahrer, die hier an der Kreuzung eine Pause einlegen. Sie haben ihre Autos geparkt und stehen nun wenige Meter von Miramar entfernt. Offenbar befinden sie sich in einer angeregten Diskussion, einige deuten auf das Wandgemälde. Um auf unser Gespräch vom Vortag zurückzukommen, spreche ich Miramar auf die Tatsache an, dass ihr Bild nun erkennbar zwei Männer zeigt. Was bedeutet ihr dieses Motiv? Etwas schüchtern blickt sie von der Leiter zu mir herunter. „Weißt du“, antwortet sie nach einigem Schweigen, „ich fühle mich auch zu Frauen hingezogen.” Und nach einer weiteren Pause: „Ich fühle mich mehr zu Frauen hingezogen.”

Das ist es also, was dieses Kunstwerk für Miramar zu etwas „ganz Persönlichem“ macht. Sicher, die Grenze zwischen politischer und persönlicher Aussage scheint hier schwer zu ziehen. Und beides schließt sich in diesem Fall ja nicht aus. Doch für die 20-Jährige ist klar: Sie will hier ein Zeichen setzen, sie will zum Nachdenken anregen und vielleicht sogar ein wenig provozieren – aus zutiefst persönlichen Beweggründen. Die Auswahl des Motivs ist kein Zufall, es geht eben nicht nur um Verschönerung. Im Gegenteil: Dieses Kunstwerk, hier im Herzen Ammans, es ist auch ein Statement, wie es Jordanien dringend mehr braucht.

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Nachtrag: Zehn Tage sind vergangen, seit Miramar den letzten Strich an ihrem Wandgemälde gemalt hat. Noch einmal komme ich an den Ort, an dem ich die Künstlerin kennengelernt habe, an diesem Tag jedoch alleine. Es ist Freitag, der ruhigste Wochentag. Die Sonne steht tief. Ein Mann mit Einkaufstüte läuft an Miramars Kunstwerk vorbei. Ganz kurz bleibt er stehen und schaut sich die beiden gemalten Männer an. Gerne wüsste ich, was er denkt. Freut er sich? Ist er verärgert? Ich kann weder sein Gesicht sehen, noch erkennen, welche Emotionen er bei diesem Anblick empfindet. Nur eines wird deutlich: Das Gemälde erzeugt Aufmerksamkeit. Auch ohne Miramar auf ihrer Leiter. Es regt zum Stehenbleiben und Nachdenken an.
Ist das nicht das Allerwichtigste..?

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Hier findest du Miramar auf Instagram.

Text und Fotos © Mathis Gann

Mathis Gann
Content Curator
Mathis lebt seit 2015 in Istanbul und ist Teil des dortigen KuKü–Teams. Er ist viel unterwegs - zur Zeit besonders gerne in der MENA-Region - und teilt seine Reise-Eindrücke in Form von Texten oder Fotografien mit uns.

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