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Um Cemile weinen nur noch die Wolken

By Esra Göksü – Stimmen, Stories, Top-Stories

Ich sitze alleine im Zimmer und im Hintergrund läuft eine Youtube Playlist, die ich vor einiger Zeit starten ließ. Eine traurige aber klare Stimme erfüllt den Raum. Der Sänger singt auf Kurdisch. Obwohl ich kein einziges Wort verstehe, werde ich durch dieses Lied melancholisch. Diese Wirkung weckt meine Neugier und ich schaue nach, wer das ist: Mem Ararat singt das Lied Lorîka Cemîla. Ich lese die Übersetzung und weiß:  Es ist ein Trauerlied. Eine Mutter trauert um ihre Tochter. Ein Satz prägt sich mir fest ein: „Ich werde ein Stück Eis bringen, für die Wunden meiner Cemile.“ Hinter jedem Lied verbirgt sich eine Geschichte. Ich frage mich, wie die Geschichte von Cemile ist und suche nach Informationen und werde schnell fündig.

Cemile ist ein kleines, zehnjähriges Mädchen aus Cizre. Viele wissen wahrscheinlich nicht wo Cizre liegt. Cizre ist eine Kreisstadt in der südostanatolischen Region der Türkei. Cemile wird eben in dieser südostanatolischen Stadt während dem Spielen vor ihrer Haustür von Scharfschützen erschossen. Sie stirbt in den Armen ihrer Mutter. Weil zu dieser Zeit das Militär eine Ausgangssperre angekündigt hat, muss die Familie ihre tote Tochter zu Hause aufbewahren.

Ihre Mutter erzählt in einem Interview mit Mahmut Oral von der Zeitung Cumhuriyet Folgendes:

„Wir hörten gegen 20:00 Uhr einen Schuss. Die Menschen sagten: `Cemile ist gefallen‘. Ich bin gerannt und habe geschaut und dachte, sie wäre ohnmächtig. Sie sah mich das letzte Mal an und sagte:`Ay Anne`und öffnete danach nie wieder die Augen. Ich nahm sie in die Arme und brachte sie nach Hause. Das Wetter war sehr warm und deshalb legten wir etwas Eis um Cemile. Ich habe sie die ganze Nacht so in  den Armen gehalten. Am Morgen mussten wir sie in die Gefriertruhe legen. Bis einige Abgeordnete kamen und Cemile wegnahmen.“

Stell dir vor, wie dieses Mädchen während dem Spielen erschossen wird. Wie sie nach ihrer Mutter ruft. Wie sie das letzte Mal „Ay Anne“ sagt und dann ihre Augen schließt. Für immer.

Stell dir vor, wie diese Mutter über die ganze Nacht  ihre Tochter in ihren Armen hält und um sie weint.

Stell dir vor, wie diese Mutter ihre Tochter drei Tage lang in der Gefriertruhe lagern muss, damit der Leichnam nicht verwest.

Stell dir vor, wie Menschen kommen und die tote Tochter  wegbringen.

Nimm dir einen Moment Zeit und stelle dir das bitte mal vor.

Und jetzt stell dir selber bitte die Frage: Warum? Warum sterben Kinder?


Müssen Kinder auf diese Art und Weise sterben?

Warum muss eine Mutter tagelang den toten Körper ihrer Tochter in der Gefriertruhe lagern?

Warum weiß ich nichts davon? Warum du nicht?

Warum gehört das Kind jedes Mal zu DEN ANDEREN, wenn es nicht meine Sprache spricht? Wenn es nicht in meiner Stadt, nicht in  meinem Land lebt?

Warum ist unser Mitleid kein Leid?

Warum ist die Motivation des Mitleidens immer dieselbe?

Warum sagen wir uns, dass es uns auch treffen könnte?

Hat es uns nicht bereits getroffen?

Sind nicht, durch die Tode von  Berkin, Enes, Aylan, Cemile und vielen anderen Kindern, unsere  Kinder gestorben?

 

Während ich mich das alles frage, schaue ich aus dem Fenster und sehe: Um Cemile weinen nur noch die Wolken. 

 

 

image  © Manu Friedrich

Esra Göksu
Content Curator
Esra ist unsere zweite Praktikantin. Sie studierte Philosophie und macht ihren Master in Kunst und Gestaltung. Mit der Stuttgarterin, die ihre Wurzeln in Kars hat, kann man sehr lange, tiefgründige und kritische Gespräche führen über Kunst, Politik und Gesellschaft.

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