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Über den Tellerrand Kochen mit den Refoodgees

By Melisa Gürleyen – Interview, Top-Stories


Wie alle guten Ideen, lässt sich auch das Konzept der „Refoodgees „mit wenigen Worten beschreiben: Geflüchtete und Einheimische, die miteinander Kochen und das Essen auf diversen Veranstaltungen in Köln verkaufen. Um zu fassen, wie Lena und Christian, zwei Vollzeit-Journalisten, dieses Projekt neben ihren Berufen stemmen können, reicht ein Satz allerdings nicht. Wie gut, dass sie Zeit für ein langes Gespräch mit uns hatten.

Melisa: Wie kam es zu der Idee?

Lena: Es war so, dass wir im Sommer 2015, ein bisschen aus Jux, indisches Essen auf einem Straßenfest verkauft haben. Das war eigentlich eine Schnapsidee, hauptsächlich von Christian, muss man dazu sagen. Aber wir haben es einfach gemacht und waren dann zusammen bei dem Verein „Über den Tellerrand Kochen“.

Christian: Genau, die habe ich über ein Interview für meine Arbeit kennengelernt und war dann noch mit einem Restaurantbesitzer aus Köln im Gespräch, der uns dann auf die Idee „Street Food Festival“ gebracht hat. Und so kam es , dass wir regelmäßig bei dem Verein mitgekocht haben, woraus ein so harter Kern mit Syrern entstanden ist, dass wir uns gesagt haben „Komm, wir wollen unseren geilen Scheiß auch mal nach außen verkaufen“. Unser Gewinn geht zwar an den Verein, aber so einen kleinen Puffer selbst zu haben, das ist immer ganz gut für Anschaffungen.

Melisa: Zum Thema Geschäft, habe ich eure Teilnahme an dem #machwaseigenes von Jimdo gesehen. Da werdet ihr vorgestellt mit „Was als Freizeitprojekt gestartet ist, wächst derzeit langsam aber sicher zum kleinen Unternehmen“. Seht ihr euch selber als eine Art Start-up?

Christian: Der Preis war ja so gebrandet mit Start-up. Da wir selber beide einen Job haben, der mega Spaß macht, sprich Journalismus, wollen wir damit kein Geld verdienen. Mit einem Start-up würdest du das ja machen wollen.  Aber wir würden das gerne als Projekt-Charakter beibehalten.

Lena: Wobei man schon sagen muss, dass wir im Moment überlegen, wie das organisatorisch weitergehen kann. Bislang haben, von Aufträgen generieren und Anfragen bearbeiten, die Dienstpläne machen, bis hin zu Leute einteilen, Christian und ich das Ganze organisatorisch gewuppt. Ich hätte tatsächlich nicht gedacht, dass sich das so schnell so entwickelt, weil wir keinerlei Eigeninitiative ergriffen haben. Die ganzen Aufträge kamen über Mundpropaganda. Wir haben noch nie explizit Werbung für Catering gemacht und bekommen gefühlt jede Woche eine Catering-Anfrage.

Melisa: Also hat der Erfolg euch scheinbar echt unvorbereitet getroffen?

Lena: Absolut. Für meinen Job als Freie, muss ich mich ja auch selbst um meine Finanzen kümmern, aber das mit den Refoodgees ist einfach eine andere Hausnummer geworden. Auch mit den Gehältern für die, die bei uns mitarbeiten.

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Melisa: Sind die Gehälter der „gute Zweck“ von dem ihr sprecht?

Lena: Genau. Also meine Vision ist, dass wir die Einnahmen weiterhin spenden, was wir auch tun, und zum Zweiten, sehe ich uns schon irgendwie als Starthilfe für die Leute, die uns treffen – jeder auf seine ganz persönliche Art und Weise. Mir ist das Geschäftliche eigentlich relativ egal.

Christian: Solange wir keine Schulden machen.

Lena: (lacht): Ja, ist mir so lange egal, bis es ein Minus ist. Ich spüre die Verantwortung zum Beispiel eher im Bezug auf Atalla. Er ist fertig mit seinen Sprach- und Integrationskursen, dem Arbeitsmarkt sozusagen ausgeliefert, und würde sehr gerne weiter für die Refoodgees arbeiten. Er steht voll hinter dem Projekt, wir vertrauen uns gegenseitig sehr und wir würden gerne schauen, wie er das für sich weiterentwickeln und vielleicht tatsächlich davon leben kann. Das wäre natürlich top!

Melisa: Habt ihr eigentlich jemals Schwankungen mitbekommen, was die Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten angeht? Also, dass der „Trend“ der letzten beiden Jahre, dass viele etwas tun wollen und helfen wollen, abgeebbt ist. Oder ist es bei euch konstant geblieben?

Lena: Ich habe ganz lange selber gehadert, aber ich hatte ganz lange das Gefühl. Ich habe Bock darauf, selber was zu tun und ich beschäftige mich auch in meiner Arbeit sehr viel mit Ehrenamt, konnte mich aber nie in solchen Organisationen sehen. Deshalb bin ich so froh über die Refoodgees, weil sich das alles so natürlich gefügt hat, dass es sich überhaupt nicht so anfühlt wie Ehrenamt.

Christian: Ich war auch einmal bei so einer süßen, kirchlichen Aktion. Es gab Kaffee und Kuchen. Aber es war einem trotzdem unangenehm, man saß sich gegenüber und wusste nicht so ganz, was man sagen sollte. Immer diese typischen Gespräche „Und? Wie geht’s? Wie bist du hierhergekommen?“. Das mit dem Kochen, was der Verein macht, das finde ich einfach großartig. Du Kochst zusammen, du hast einfach was zu tun. Du musst überhaupt nicht über Flucht sprechen, wenn du nicht willst. Du kannst einfach lecker Essen machen und dich darüber kennenlernen.

Melisa: Glaubst du, dass Kochen etwas schafft, was die gängigen Integrationsmaßnahmen nicht geschafft haben?

Christian: Total. Also es ist superwitzig, es gibt auch total viele Gerichte, die kulturübergreifend sind. Zum Beispiel gefüllte Nudeln. Wir haben festgestellt, dass es überall auf der Welt gefüllte Nudeln gibt. Durch so nette kleine Geschichten merkt man einfach, wir sind uns gar nicht so fremd. Diese Message ist mir auch bei den Street Food Festivals wichtig. Außer in unserem Namen stellen wir die Flüchtlingsthematik gar nicht so in den Vordergrund. Wo dann auch Leute, die der Flüchtlings-Thematik kritisch gegenüberstehen, merken, „Hey das ist gar nicht so schlimm“ und es ist einfach nur lecker und es macht die Welt ein bisschen bunter.
Lena: Von einigen aus dem Team, kannte ich die Fluchtgeschichte zum Beispiel ganz lange nicht. Normalerweise fragt man das doch auch einfach nicht. Ich frage dich ja jetzt auch nicht „Was hast du schon Schlimmes erlebt und wie geht’s deinen Eltern und Geschwistern? Und wie ist dein Zuhause? Habt ihr Geld?“. Das finde ich so gut am Kochen! Genau das tust du dann automatisch nicht. Dann geht es eher darum „Was heißt eigentlich Knoblauch auf Arabisch?“

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Melisa: Was heißt es denn?

Lena & Christian: Thom!

Lena: Wenn man Christian und mich in einem arabischsprachigen Land aussetzen würde, würden wir zumindest nicht verhungern!

Christian: Das Geile an den Street Food Festivals ist auch, dass man wirklich was schaffen kann und aus der Rolle des Hilfeempfängers rauskommt und aktiv was geben kann. Und dann von den Gästen ein „Danke!“ für das Essen bekommen, wo man in der Rolle als Geflüchteter selbst immer „Danke“ sagen muss, ist für das Selbstwertgefühl glaube ich sehr schön.

Melisa: Was war denn bisher euer schönstes Erlebnis mit Refoodgees? 

Chrisian: Der Dinner-Abend. Das hat auch gezeigt, wie schön der Projektcharakter sein kann, weil es den Leuten um etwas Größeres ging und sie keine  55€ für den Abend gezahlt haben, um einfach nur ihr Essen zu bekommen. Die hatten Lust das Projekt zu unterstützen, einen schönen Abend zu verbringen und waren zu 100% da.

Lena: An dem Abend hatten wir auch eine kurdisch-türkische Band. Die bekommen wohl häufiger Einladungen für Auftritte im Rathaus und alles, aber die Jungs haben dann irgendwann gesagt „Wir sind keine Tiere im Zoo! Wir wollen nicht ausgestellt werden, so nach dem Motto, wir stellen jetzt hier drei Flüchtlinge auf die Bühne und die machen auch noch schöne Musik.“ Und alle Besucher können sagen, „Ich habe jetzt auch mal einen Flüchtling gesehen“.

Christian:  Genau, es soll ja keine Show sein.

Melisa: Gehen wir mal von einer Utopie aus. Was ist das Best-Case-Szenario, dass ihr euch in der Zukunft mit Refoodgees vorstellen könnt?

Christian: Dann würde uns diese Halle gehören, in der wir den Dinner-Abend veranstaltet haben. Diese alte, wunderschöne Scheune. Das Wichtigste was wir gerade brauchen, ist einfach ein Lager. Gerade ist es unser Bus, den wir über die Bürgerstiftung Köln bekommen haben. Aber eine Utopie wären tatsächlich Veranstaltungsräume, wo man spontan Dinner-Abende machen kann, oder eine Vorbereitungsküche hat für die Caterings und Kochkurse. Wo man sehr gut mit Menschen zusammenkommen kann und was eine Situation ist, wo „die armen Flüchtlinge“ mal den Hut aufhaben und den anderen was beibringen können.

Lena: Unternehmerisch utopisch würde ich mir wünschen, dass man ein paar Leuten, wo es wirklich gepasst hat, dieses Konzept weitergeben kann, damit die das weitertragen können, um sich hier ein Leben aufzubauen. Und, dass sich alle das nehmen können, was sie brauchen. Soziale Kontakte, die Möglichkeit Deutsch zu sprechen und leckeres Essen.

Was interkulturelle Kontakte und besonders leckeres Essen angeht, haben die Refoodgees dieses Ziel unserer Meinung bereits erreicht. Für alles Kommende, wünschen wir Ihnen viel Erfolg! Danke für das Interview!

Interview: Melisa Gürleyen
Photos: Yonca Yıldırım

Melisa Gürleyen
Content Curator
„Wenn ihr mich fragt, zeigt KuKü, dass die Kultur von Balkan bis Middle East aus mehr besteht als Döner, günstige Urlaubsmöglichkeiten und 3erBMW“ mit diesem Satz hat sich Melisa (wie Doppel S ausgesprochen) bei Kunst & Kültür beworben und ist seit dem als Content Creator dabei. Neben ihrem „Irgendwas mit Medien Studium“, macht sie es sich zur Lebensaufgabe jeden Burgerladen dieser Welt auszutesten.

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