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Über Schmutzige Hände – mit Bilal Yılmaz auf der Biennale in Istanbul

By KuKü – Redaktion – Interview, Top-Stories

Was ist ein guter Nachbar? Fragen sich Elmgreen und Dragset, die Kuratoren der Istanbul Biennale, die am 16. September eröffnete. Der türkische Künstler Bilal Yilmaz hat eine Antwort gefunden: „Ein Handwerker ist ein guter Nachbar und jeder sollte einen in seiner Nachbarschaft haben.“ Seine Installation „Dirty Box“ weist auf die schwierige Situation der Handwerksmeister in Zeiten von moderner Stadtplanung und Gentrifizierung in Istanbul hin. Die „Box“ ist ein abgegriffener Koffer, der aufgeklappt auf einem Tisch steht. Aus dem Koffer schaut ein kleiner Roboterarm, der mit einer Lampe seine Umgebung erkundet. Der Lichtkegel trifft auf eine senkrecht aufgestellte Istanbul-Stadtkarte aus Metall. So lässt Bilal Yilmaz die dunklen, dreckigen Straßen des Zentrums von Istanbul beleuchten, in denen so viele Handwerker ihre Studios hatten, bis sie sich die Räume nicht mehr leisten konnten.
Die Kritik an der Politik der AKP ist zwar leise, doch zeigt die Installation, wie sie vor allem diejenigen trifft, die sozial-ökonomisch in einer schwachen Position sind.

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Die Installation “Dirty Box” ist ein Ergebnis deiner Nachforschungen zur Handwerkskunst in Istanbul. Du beschäftigst dich seit 2012 mit dem Thema, wie kam es dazu?

Ich fand es immer toll, Zeit in Studios zu verbringen und meine Hände dreckig zu machen. Eigentlich habe ich erst Informatik studiert, aber trotzdem bin ich in Kunstkurse gegangen und habe gelernt Skulpturen und Designs zu machen. Ich habe den ganzen Tag im Studio mit dem Werkzeug verbracht. Während meines Masters in Production Design hatten wir die Möglichkeit, Handwerker in ihren Studios zu besuchen, aber nur zwei, drei Mal. Danach war ich aber immer wieder dort. Besuchen bedeutet nicht nur rein und raus zu gehen, sondern sich mit den Menschen zu unterhalten. Und so wurde ich Teil der Produktion und der Kultur mit ihren Problemen.

Welche Probleme?

Ich habe begriffen, dass diese Handwerker in keiner Weise sichtbar sind, aber dass sie eigentlich das wirtschaftliche und kulturelle Potenzial haben, um wichtig zu sein. Also habe ich beschlossen, sie mit einem Online-System zu erfassen. Ich dachte, ich kann einfach zu öffentlichen Institutionen gehen, und mit der Erlaubnis der Universität, nach Informationen zu den Handwerkern fragen, um die Informationen für jeden zugänglich zu machen. Aber ich stellte schnell fest, dass keine Informationen vorhanden sind. Die Institutionen hatten mal die ganzen Daten, aber nach und nach haben sie sie aus den Listen genommen. Wenn die Handwerker keinen legalen Status mehr haben, dann haben sie auch keinen Platz in den Papieren mehr. Und im Zuge der Stadtplanung und der Gentrifizierungspolitik verlieren immer mehr Handwerker ihre Papiere, weil sie heute keine Studios mehr im Stadtzentrum aufmachen können. Also entschied ich mich dazu, die Daten alle selbst zu sammeln. Zum Schluss hatte ich eine Menge Informationen und gemeinsam mit Freunden kreierten wir die Plattform »Craftet in Istanbul«

Wie war die Reaktion darauf? Hatten die Leute Interesse an den Daten?

Am Anfang haben meine Freunde tatsächlich nicht gedacht, dass die Seite Potenzial haben würde. Also haben wir beschlossen das Projekt zu beenden, falls sich in der ersten Woche weniger als 50 Menschen mit ihren E-Mails registrieren würden. Mehr als 800 haben dann in der ersten Woche ihre Mail-Adresse angegeben! Da haben wir begriffen, wie groß das Interesse an dem Wissen der Handwerker ist.

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Denkst du, dass eure Online-Karte dazu beigetragen hat, die Situation der Handwerker zu verbessern?

Das ökonomische und kulturelle Potenzial der Handwerker ist da, sie sind das Gedächtnis der Stadt. Aber wir haben keine Ahnung davon, wie wir, das heißt Designer, Architekten oder die Industrie, mit ihnen zusammenarbeiten können. Außerdem gibt es ein fehlendes Interesse an der Handwerkskunst, sie werden nicht mehr als Meister eines Materials betrachtet. Sie also nur sichtbar zu machen, trägt nicht dazu bei, das Problem zu lösen.

Also stirbt die Handwerkskunst in Istanbul trotzdem aus?

96% haben keinen Auszubildenden, also wird es keine nächste Generation Handwerker geben und 50% oder 60% von ihnen sind älter als 50 Jahre, das heißt sie haben nicht viel Zeit ihre Arbeit weiter zu führen. Hinzu kommt die Gentrifizierung, die die Handwerker aus dem Stadtbild verdrängt. Wir werden all dieses handwerkliche Wissen in etwa 10 Jahren verlieren. Die Regierung sieht sie nicht als wirtschaftliche oder kulturelle Ressource.

Wie passt die “Dirty Box” dann zu dem Konzept der diesjährigen Biennale “Ein guter Nachbar”?

Wenn der Nachbar des Handwerkers zu einem Restaurant wird oder ein Coffeeshop oder einem Hotel, dann werden die Mieten steigen und sie können nichts tun. So wird der Einheimische der Straße zu einem Fremden.

Könnte der Restaurantbesitzer nicht auch ein guter Nachbar sein?

Wir sollten den neuen Nachbarn nicht als Fremden oder Schuldigen betrachten. Aber während die Mieten immer höher werden, müssen wir auch an die Menschen denken, die in der Nachbarschaft Dinge produzieren. Es geht aber nicht nur um das Geld, sondern auch um Freundschaft und das Spezialwissen. 2010 habe ich ein Manifesto geschrieben, in dem ich sage, dass jede Nachbarschaft ein Studio braucht, damit wir unseren Konsum durch die Produktion hinterfragen können. In diesem Sinne ist ein Handwerker der beste Nachbar. Denn wenn ein Stuhl kaputtgeht, muss ich wissen, wie ich ihn reparieren kann und ein Handwerker kann dieses Wissen mit mir teilen, das hat dann nichts mit Geld zu tun. Es geht um den Kontakt mit anderen Menschen. Ich empfehle immer, erst mal einen Tee zu trinken und das Gegenüber erst mal kennenzulernen, und dann kann man über das Geschäft reden.

Welchen Stellenwert haben Handwerker in Istanbul?

Als ich die Handwerker gefragt habe, warum sie ihr Wissen nicht weitergeben, haben die meisten mir ihre Hände gezeigt und zurückgefragt: „Wer will heutzutage noch seine Hände schmutzig machen?“ Natürlich gibt es einen Grund dafür, warum sie das so sagen: Wenn du derjenige bist, der seine Hände dreckig macht, dann gehörst du zur unteren Schicht der Gesellschaft.

Für Künstler ist die Situation in Istanbul auch nicht gut. Würdest du die Türkei verlassen?

Ich bin hin- und hergerissen zwischen Bleiben und Gehen. Ich weiß aber, dass es momentan genauso schwierig ist, hierzubleiben oder zu gehen. Mit der „Dirty Box“ habe ich mich gegen eine theoretische Auseinandersetzung entschieden und für eine Handlung im realen Leben.  Ich wollte, dass das Ergebnis sichtbar und fühlbar ist. Aber es wird immer härter, in diesem Land was zu ändern. Es ist trotzdem nicht einfach zu gehen, weil hier meine Erinnerung und meine Identität ist. Es ist weniger eine Frage des Weggehens, als die Frage danach, ob man den Rest seines Lebens als Fremder in einem Land verbringen will.

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