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Teil 2 – Der größte Pilgermarsch der Muslime

By Murtaza Sayan – Stimmen, Stories, Top-Stories

Jährlich reisen Millionen von Pilgern aus allen Religionen quer durch die Welt, um heilige Stätten zu besuchen, an denen sie ihrem Glauben näherkommen können. Ob Lumbini in Nepal für die Buddhisten, die Stadt Varanasi für Hindus oder Jerusalem für Juden, Christen und Muslime: Fast jede Religion kennt ihre ganz eigene Kultstätte, die eng an religiös-historische oder spirituell-mystische Ereignisse geknüpft ist.

Für die Muslime ist die Pilgerfahrt [Hadsch] nach Mekka eine der Pflichtriten. An dieser versuchen sie mindestens einmal in ihrem Leben teilzunehmen. Die Pilgerreise nach Mekka setzt vieles voraus: Beispielsweise ist es Pflicht für jede/jeden Muslima/Muslim, beim Hadsch keine gesundheitlichen Risiken einzugehen, ihre/seine Sicherheit zu riskieren oder sich in finanzielle Schwierigkeiten zu begeben. Saudi-Arabien reglementiert die jährliche Anzahl der Pilgerreisenden nach Mekka auf durchschnittlich zwei bis drei Millionen Besucher. Somit ist der Hadsch in der islamischen Welt nur die zweitgrößte Pilgerreise.

Größer als der Hadsch ist tatsächlich der sogenannte Arba‘in [vierzig] oder Arbain-Marsch, eine ca. 80 Kilometer lange Strecke, die zu Fuß von den für Muslime heiligen Stätten Nadschaf nach Kerbela führt. Jährlich pilgern über 20 Millionen Muslime [2015], 40 Tage nach dem Tag des Martyriums von Huseyn ibn Ali, diese Strecke in den heutigen Irak. Dies macht es sogar zur jährlich größten Pilgeraktion der Welt. Das Besondere: Die Verpflegung und Unterkunft wird für die Reisenden von den Einwohnern kostenlos zur Verfügung gestellt.

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Der Tag von Arba’in

Anlass der Pilgerreise Arba’in ist das Andenken jenes Opfertodes und der Revolution von Huseyn ibn Ali. Dies ereignete sich nach dem islamischen Kalender im ersten Monat Muharram [680 n. Chr.].

Vierzig Tage nach dem Martyrium des Prophetenenkels pilgern Millionen Anhänger an seine Grabstätte. In der Theosophie ist die Vierzig eine mystische Zahl. So dauert in den Kulturkreisen der Muslime die Trauerzeit vierzig Tage. Auch Arba’in genannt, was für die arabische Zahl 40 steht. Der Tag unterstreicht dieses Geschehnis für die Trauerzeit der Revolution von Huseyn. So wird auch heute, nach fast 1400 Jahren, an diese Zeit zurückgedacht und getrauert.

Die Strecke zu dieser Pilgerreise beginnt an der Grabstätte von Ali ibn Abu Talib [Schwiegersohn und Vetter des Propheten Muhammed] in Nadschaf und führt bis nach Kerbela, zur Grabstätte seines Sohnes Huseyn ibn Ali. Über die gesamte Strecke verteilt, werden von den Einwohnern Stände für Nahrung und Getränke bereitgestellt. Die Einwohner bieten für die Pilger Unterkunft, einen Platz zur Erholung oder für die Reinigung an. An den Straßenrändern werden Tische aufgestellt und von den Einwohnern mit ihren kostbarsten Lebensmitteln beschmückt. Die Älteren oder körperlich Benachteiligten werden von den jüngeren Pilgern auf dem Rücken getragen. Auch medizinische Zelte sind überall vorhanden, die die Pilger kostenlos behandeln und versorgen. In Schwarz gekleidet ziehen die Pilger mit Klagesängen und Koranrezitationen über die Straßen. Alle möchten ein Teil der Hingabe sein.

Ein Weg der Liebe

Es ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass trotz lebensbedrohlicher Gefahren, Millionen Pilger diese Reise auf sich nehmen.  Wenn man bedenkt, dass trotz schlechter Infrastruktur dieser Marsch reibungslos funktioniert. Und trotz der Armut, unter dem viele der Einwohner leiden, ihre Ersparnisse für die Pilger geben, um ein Teil der Aufopferung zu sein. Auf Arabisch wird das auch „Khuddam zuwwar al-Huseyn“ genannt, was so viel bedeutet wie „Dienende der Besucher al-Huseyns“.

Zum Gedenken an Huseyn ibn Ali, dessen Ruf die Menschen bis heute erhellt, versuchen all diese Menschen die Aufopferung und die Revolution von ihm am Leben zu erhalten.  Diese jährliche Pilgerreise nach Kerbela ist die größte friedvolle Ansammlung von Menschen auf dieser Welt. An keinem anderen Ort kommen so viele Menschen zusammen. Doch nicht nur Muslime, sondern auch zahlreiche Christen und Zoroastrier aus dem Irak und Iran, die sich Huseyn ibn Ali sehr gebunden fühlen, beteiligen sich daran.

All images © Ali Al Nasser | Arbain | whoishussain.org

Murtaza Sayan
Murtaza Sayan - auch Murti - studiert irgendetwas mit Wirtschaft, reist gerne, liest gerne und schreibt gerne.