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Teil 1 – Die Revolution von Kerbela

By Murtaza Sayan – Kültür, Stimmen, Top-Stories

Vor fast 1400 Jahren kam es in der islamischen Welt zu einer Revolution, deren Ruf noch heute Millionen von Herzen erhellt. Ein Ruf, welcher die Menschen noch heute an die Gerechtigkeit glauben lässt. Vor fast 1400 Jahren kam es zu jener Aufopferung für die Gerechtigkeit und zu jenem Widerstand der herrschenden Korruption und Tyrannei. Dieses Ereignis ist die Tragödie von Kerbela am Tag von Aschura. Der Tag, an dem die letzten Enkelkinder des Propheten Muhammed und dessen Familienangehörige ermordet wurden.

Der Prophetenenkel und seine Gefährten

Huseyn ibn Ali wurde am 10.01.626 n.Chr. im vierten Jahr nach der Hijra in Medina geboren. Er ist der Sohn von Ali ibn Abu Talib und Fatima bint Rasulullah, somit auch der Enkelsohn des letzten Propheten Muhammed. Sein Vater Ali und Großvater Prophet Muhammed gaben Huseyn von Geburt an moralisch erstrebenswerte Werte wie Liebe und das Streben nach Frieden mit. Die Einflüsse seiner Erziehung von seinen Vorbildern machen ihn noch heute – Jahrhunderte nach seinem Tod – zum Leitbild eines gerechten Wertemodels in der islamischen Welt.

Kurz nach dem Tod des Propheten Muhammeds reißen korrupte Herrscher der Umayyaden-Dynastie unter der Führung Muawiyas die Macht an sich. Als neue Hauptstadt wird Damaskus im heutigen Syrien erwählt. Die vom Propheten vorgelebten Werte und seine Aufforderung für ein friedvolles Miteinander werden zerstört. Korruption, Unterdrückung und Kriege zeichnen die neue Ära nach dem Propheten aus und dienen der territorialen Machtausweitung der Umayyaden.

Nach dem Tod des Umayyaden-Kalifen Muawiya 680 n.Chr. erbt sein Sohn Yazid dessen Position und übernimmt die Führung der Dynastie. Um seine Position zu festigen, fordert er alle großen Würdenträger und Persönlichkeiten der islamischen Welt dazu auf, ihm die Treueschwur [arabisch: Bai’at] zu leisten. Diese Treueschwur ist in der arabischen Welt offizieller Ritus bei wichtigen Angelegenheiten, wie beispielsweise bei der Ernennung eines Kalifen. Der Treueschwur symbolisiert Einverständnis und Gehorsamkeit. Yazid verlangt auch von Huseyn ibn Ali die Treueschwur. Er verspricht sich durch die Anerkennung von Huseyn ibn Ali die Akzeptanz des Volkes, die Huseyn aufgrund seiner Abstammung, seiner Aufrichtigkeit und seinem Sinn für die islamischen Werte großen Respekt zollen und hohes Ansehen einbringen. Yazid hofft, dass er durch Huseyns Treueschwur nicht beschuldigt werden könne, das Kalifat unrechtmäßig an sich gerissen zu haben. Doch sein Plan geht nicht auf. Huseyn verweigert dies und erkennt seinen Status nicht an. Ein Treueeid würde die Billigung der tyrannischen Taten Yazids bedeuten und stünde allen Werten, die der Prophet und sein Vater ihm beigebracht haben, entgegen. Die Konsequenz seiner Verweigerung ist Huseyn klar: Yazid wird alles daransetzen, ihn als Gegner aus dem Weg zu räumen.

Dennoch steht Huseyn hinter seiner Entscheidung, damit der Islam, wie ihn der Prophet vorgelebt hatte, nicht untergeht:

„Ich leiste den Treueeid nicht und werde eine Herrschaft der Gewalt und Ungerechtigkeit nicht unterschreiben. Ich weiß, dass sie mich überall, wo ich hingehe, und dass sie mich überall, wo ich bin, umbringen werden. Dass ich Mekka verlasse, geschieht aus Rücksicht auf die Würde des Gotteshauses, damit es durch das Vergießen meines Blutes nicht entehrt werde.“

Die Nachricht verbreitete sich rasch in der islamischen Welt und erreichte auch die Menschen in der irakischen Stadt Kufa. Die Bewohner Kufas bitten Huseyn um dessen Unterstützung vor Ort. Abgestoßen von der Ungerechtigkeit aus Zeiten Muawiyas und unzufrieden von der Herrschaft Yazids, vermehrt sich die Zuneigung zu Huseyn. Er verkörpert für diese Menschen ein Leitbild der Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und die einzige Möglichkeit einer friedvollen Führung. Huseyn erhört diesen Ruf. Er macht sich mit seinen Anhängern, darunter die anderen Enkelkinder des Propheten Muhammed, deren Frauen und Kinder, auf den Weg nach Kufa. Yazid erkennt die Problematik und fürchtet einen Aufstand und den Verlust seiner Macht. Seine Lösung: Ein Hinterhalt auf der Route Huseyns von Mekka nach Kufa.

Der Hinterhalt Yazids

Auf dem Weg nach Kufa, ungefähr 80 Kilometer von der Stadt entfernt, in einer Steppe namens Kerbela, werden Huseyn und seine Anhänger von Yazids Heerestruppen umzingelt. Ibn Ziyad, ein Gouverneur von Yazid, erteilt seinen Soldaten den Befehl, die Karawane zu stoppen, alle Auswege zu versperren und die Wasserzufuhr zu unterbinden. Für die Karawane gibt es kein Entkommen und Huseyn ist gezwungen, sein Lager an jenem Ort aufzuschlagen. Huseyn weiß, welches Schicksal ihm und seinen Anhängern bevorsteht. So verkündet er eines Nachts seinen Mitstreitern und Familie: „Wir haben nichts vor uns als Tod und Martyrium. Diese da haben außer mit mir, mit niemandem anderem etwas vor. Ich entbinde Euch von eurem Treueeid. Jeder, der will, kann die Dunkelheit der Nacht nutzen und sein Leben vor diesem furchtbaren Abgrund retten.“ Schließlich lässt er das Licht löschen, um jenen die Möglichkeit zu geben, dem bevorstehenden Kampf zu entfliehen. Nur eine Gruppe treuer Anhänger und seine Familie bleiben zurück.

Umgeben und eingekesselt von Feinden verbringen Huseyn und seine Gefolgschaft acht Tage unter der erdrückenden Hitze. Der Gruppe wird jedwedes Wasser verwehrt. Währenddessen wächst Yazids Heer, bis sich die kleine Gruppe einer Schar von dreißigtausend Soldaten gegenübersieht. Am Ende des neunten Tages Muharrams erreicht Huseyn das letzte Angebot des Feindes: Treueeid oder Vernichtung.

Huseyn entscheidet sich für die Gerechtigkeit und schlägt das Angebot aus. Bei Anbruch des zehnten Muharrams greifen Yazids Soldaten an.

Sein Ruf

Der großen Masse der Feinde unterlegen, sterben Huseyns Kameraden und Familien in dieser Schlacht. Huseyn blickt über die regungslosen Körper seiner Geliebten und ruft einmal in jede Himmelsrichtung:

„Ist dort noch jemand der uns zur Unterstützung eilt? Ist dort noch jemand, der unseren Ruf nach Hilfe erwidert?“

Wem galt also dieser Ruf? Denn jene, die ihm zur Seite standen, hatten bereits ihr Leben für ihn gegeben. Dieser Ruf ist ein nie enden wollender Appell an alle Menschen in allen Ländern, in allen Himmelsrichtungen der Welt. Er richtet sich an alle Menschen zu jeder Zeit. Er ist ein Symbol der Aufforderung, sich immer für die gerechte Sache einzusetzen und nie aufzugeben. Und es ist jener Ruf, dem Millionen Menschen seit Jahrhunderten folgen.

Für Muslime markiert der Tag des 10. Muharram, jener Tag an dem Huseyn und seine Anhänger starben, den Tag von Aschura [arabische Zahl für 10]. Es ist der Tag, an dem der Enkelsohn des Propheten, seine Familie und seine Gefährten in der Tragödie von Kerbela zu Märtyrer wurden. An Aschura treffen Vernunft und Ignoranz aufeinander. Die Seite der Vernunft, geführt von Huseyn ibn Ali und seinen Gefährten, während die Seite der Ignoranz und der Intrigen von Yazid und seinen Anhängern symbolisiert werden. So enthalten jene Ereignisse von Aschura viele Botschaften, aus denen Gesellschaften unabhängig ihrer Religion heute noch lernen können.

Huseyn starb für seine Überzeugung. Er glaubte daran, dass Menschen nicht unter dem Joch der Ungerechtigkeit leiden dürfen. Er wollte, dass Menschen für ihre Rechte einstehen, vernünftig und friedvoll zusammenleben. Diese Überzeugung machte vor dem Tod nicht halt. Sein Martyrium macht dies klar und beweist Integrität, Rückgrat und den Mut, für die gerechte Sache sein Leben zu geben. Durch seinen Widerstand und seine Opfer hat er den Menschen einen klaren Weg und die ideale Lebensweise gelehrt. Selbst nach mehr als 1300 Jahren gedenken noch immer Millionen Muslime und Menschen anderer Religionen seines Ideals.

In der islamischen Geschichte gibt es Uneinigkeiten bezüglich der historischen Geschehnisse, doch bei einem sind sich alle einig: Yazid stellte sich offen gegen die Ideologie des Propheten Muhammed. So lehnen nicht nur die Sunniten, Aleviten und Schiiten Yazid ibn Muawiya ab, sondern auch die in arabischen Ländern lebenden Christen, die schwer unter der Herrschaft der Umayyaden litten. Yazid und seine Umayyaden-Herrscherdynastie nutzten den Islam aus, um es als Werkzeug zu instrumentalisieren. Auch heute noch wird in manchen Ländern die Religion missbraucht, um Menschen zu unterdrücken, sie ihrer Freiheit zu berauben und somit die eigene Macht zu stärken.

Während Huseyn ibn Ali in Kerbela starb, wurde er mit seinen Taten unsterblich. So sagte Thomas Carlyle, ein schottischer Historiker [1796-1881]: „Die beste Lehre, die wir aus der Tragödie von Kerbela ziehen, ist die, dass Imam Huseyn und seine treuen Helfer unerschütterlich an Gott glaubten. Sie haben mit ihrem Vorgehen verdeutlicht, dass zahlenmäßige Überlegenheit dort, wo das Recht dem Unrecht gegenübertritt, nichts bedeutet. Dass Imam Huseyn trotz der Minderheit, die ihm zur Verfügung stand, gesiegt hat, versetzt mich in Erstaunen.“

All images © Ali Al Nasser | Arbain | whoishussain.orgAll images © Ali Al Nasser | Arbain | whoishussain.org

Murtaza Sayan
Murtaza Sayan - auch Murti - studiert irgendetwas mit Wirtschaft, reist gerne, liest gerne und schreibt gerne.