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Sex und Erotik im Islam – im Gespräch mit Ali Ghandour

By Esther Ecke – Allgemein, Interview

Ali Ghandour zu seinem Buch: »Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten«

Beschreibe doch zum Einstieg dein Buch kurz in maximal zwei Sätzen!
Das Buch ist eine Einführung in die Denkweise und Schriften der muslimischen Gelehrten über Sex und Erotik. Es zeigt wie »cool«  der Umgang mit dem Thema und allgemein mit dem Genuss als göttliche Gabe damals war.

An wen richtet sich das Buch beziehungsweise was möchtest du mit dem Buch erreichen?
Mit »Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten«, welcher nur der erste Band der Reihe »Lust und Gunst« ist, möchte ich die Menschen positiv provozieren. Ich möchte in ihnen Neugier und Fragen auslösen, die sie sich vielleicht nicht gestellt haben oder sich nicht getraut haben, zu stellen. Das Buch soll einige Bilder und Vorstellungen, die heute selbstverständlich geworden sind, in Frage stellen. Es ist somit an jeden gerichtet, der bereit ist, Islam und Muslime sowie deren Geschichte und Denkweise aus einem anderen Blickwinkel sehen zu wollen.

Was waren die Reaktionen auf die Veröffentlichung? Da Sexualität im Islam mittlerweile leider zu einem ziemlichen Tabuthema geworden ist – gab es auch negative Reaktionen? Und wenn ja, wie gehst du damit um?
Negative Reaktionen habe ich bis jetzt – Gott sei dank –  noch nicht erlebt. Falls es solche Kritiker gibt, dann haben sie bis dato kein Gespräch mit mir gesucht. Erstaunlicherweise, aber auch erfreulicherweise bekomme ich nur positives Feedback. Oft sind das junge Menschen, die mit der Tabuisierung des Themas und mit einem Islamverständnis, welches die Lebensrealitäten unserer Zeit völlig ignoriert, nicht klar kommen. Denn leider ist es so, dass die ideologische Form des Islams aus der Religion eine Anleitung zu »Wie ich mir das Leben noch erschweren kann«  gemacht hat. Hier will ich ansetzen und versuchen, die konstruierten Widersprüche zwischen Islam und einem Leben in einer postmodernen Welt zu dekonstruieren.

Ali_Ghandour_01Wie bist Du auf das Thema gekommen?
Mit dem Thema beschäftige ich mich seit einigen Jahren. Nicht nur die Schriften muslimischer Gelehrten haben mich interessiert, sondern auch die indische und buddhistische Tradition bezüglich des Themas. Ein direkter Grund, warum ich das gesammelte Wissen in Form einer Reihe publiziere, war das Buch von Thomas Bauer »Die Kultur der Ambiguität«. Es hat mich inspiriert und mir eine theoretische Grundlage gegeben. Ein weiterer Grund ist der Mangel an Aufklärung über das Thema. Darüber spricht man weder in den Familien noch in den Gemeinden. Dazu kommt auch die Tatsache, dass die Gelehrten unserer Zeit nicht mehr darüber schreiben und wenn doch, dann nur um das Sexleben zu »normieren« . Früher haben Korankommentatoren erotische Gedichte und Geschichten geschrieben sowie Handbücher über die Stellungen und wie man den sexuellen Genuss maximieren kann. Diese Tradition möchte ich wiederbeleben.

Ohne dem Inhalt des Buches zu sehr vorweggreifen zu wollen: Bei der Lektüre wird schnell deutlich, dass in früheren Zeiten sehr freizügig über Sexualität gesprochen wurde ohne jedoch den nötigen Respekt zu verlieren. Wenn man das mit heute vergleicht, worin siehst Du den Grund für den Mentalitätswandel?
Dieser Wandel ist so zu verstehen, dass es früher mehrere parallele Diskurse gab. Heute spricht man nur von dem »Islam«  und das Adjektiv »islamisch«  wird plakativ und für jeden »Pups«  verwendet. Früher waren natürlich nicht alle Gelehrten »freizügig« . Aber diejenigen, die es waren und sein wollen, konnten es ohne dafür diffamiert zu werden. Ich würde sagen, dass das Menschenbild in der Vormoderne anders war. Die Normen, die zwar wichtig in unserer Religion sind, standen nicht im Mittelpunkt, sondern eher der Mensch, mit all seinen Makeln und Schwächen. Die Illusion, dass man eine ganze Gesellschaft gleichschalten kann, war damals nicht vorhanden. Das ist eher etwas, was durch die Ideologisierung des Islams im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts entstanden ist. Heute sehe ich viel Ideologie und Wahn. Man will nicht nur das öffentliche Leben sondern auch das private Leben der Menschen kontrollieren.

Hat die Forschungsarbeit zu dem Thema Deine Sicht auf »die muslimische Frau« in früheren Zeiten verändert?
Ich glaube nicht, dass es eine »muslimische Frau« gibt. Interessanterweise ist dieses Wortkonstrukt auch im 20. Jahrhundert entstanden. Früher hat man nur von der Frau gesprochen, auch bei den Muslimen. Und wenn überhaupt, dann von Musliminnen und das nur in sehr begrenzten rechtlichen Zusammenhängen. Das Adjektiv »muslimisch« bringt einige Probleme mit sich, denn es birgt in subtiler Weise  eine Vorstellung davon in sich, wie eine  »muslimische Frau“ zu sein haben soll und das kann schnell missbraucht werden. Was ich durch meine Arbeit gelernt habe, ist, dass es diese »muslimische Frau« nicht gibt, sondern es gibt eine Vielfalt an Frauen, die zwar Musliminnen sind, allerdings genauso unterschiedlich wie die Zeiten, Orte und Kontexte, in welchen sie leben und wirken.
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Esther Ecke
Content Curator
Getreu ihrem Motto „Being interested is a talent“ schreibt Esther über alle Themen, die ihr über den Weglaufen und ihr Interesse wecken. Zwei ihrer großen Leidenschaften sind die Musik (insbesondere Rap) und Marokko, wo sie einige Zeit gelebt hat.

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