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Schönheit im Spannungsfeld – unterwegs im Libanon

By Mathis Gann – Gesellschaft, Photography, Stories, Travel

Aus den dichten Zedernwäldern, wo hoch oben auf den Gipfeln noch Schnee liegt, rettet Rhea meine Freundin und mich vor der aufkommenden Dunkelheit. Wie selbstverständlich öffnet sie uns auf die Frage, ob sie uns ein Stück mitnehmen könnte, die Tür ihres kleinen Autos. Dort finden wir dank libanesischer Herzlichkeit Platz bis zurück in die Beiruter Metropole.

Rhea erzählt, sie mache das jedes Wochenende: Einfach ins Auto steigen, losfahren und ihr Land entdecken. Ihr Land, das ist der Libanon. Das Land, das für viele nur Assoziationen wie Flüchtlingskrise, Krieg und Konflikt mit Israel hervorrufen mag. Für Rhea steht aber fest: Der Libanon ist eines der schönsten Länder der Erde.

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Während der Fahrt Richtung Beirut schwärmt sie von den verwunschensten Orten des Libanons und mir wird einmal mehr klar: Trotz der geografisch vergleichsweise kleinen Fläche, sollte man sich als Tourist hier Zeit nehmen. Ins Schwärmen geraten nämlich nicht nur die Einheimischen, sondern auch so gut wie jeder Reisende, der das Land auf eigene Faust entdeckt hat. Die Sprachnachricht einer Freundin auf meine Frage nach Empfehlungen für den Libanon, sie war ganze zehn Minuten lang.

Denn der Libanon ist ein Land voller Facettenreichtum und Kontraste. Da sind pulsierende Städte neben endloser Weite, dicke Autos neben eingefallenen Altbauten, da sind christliche Ruinen neben großen Moscheen, beschwingtes Nachtleben neben Häusern mit Einschusslöchern, deren Fassaden Geschichten vom Krieg erzählen.

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Auf der Strecke lässt Rhea es sich nicht nehmen, extra noch einmal anzuhalten, um uns ein kleines Dorf mit herrlicher Aussicht zu zeigen. Ich wünschte, ich könnte so über mein Heimatland schwärmen, wie Rhea es tut. Doch trotz all der Schönheit des Landes sieht sie ihre Zukunft nicht im Libanon. Korruption, großes Arm-Reich-Gefälle, eine Vielzahl Geflüchteter und die geopolitische Lage neben Syrien, dem Land in dem ein Bürgerkrieg tobt und Israel, dem selbst erklärten Feind, machen das Leben im Libanon nicht immer einfach.

Rhea möchte ihre Doktorarbeit in Paris schreiben. Dort wird ihr sicher vieles fehlen, sagt sie, aber sie gewänne auch neue Freiheit: Zum Beispiel könne sie dort problemlos mit ihrem Freund zusammenwohnen, auch ohne verheiratet zu sein. Im Libanon wäre das für sie nicht so einfach, weil eine Hochzeit gesellschaftlich erwartet wird, sagt sie.

Doch das Gefühl der Freiheit und der Schönheit des Reisens an sich, das begegnet mir auch im Libanon. Wenn man im Minibus bei arabischer Musik die Küstenstraße entlang brettert und über dem Meer die Sonne untergehen sieht, wenn man gemütlich bei Mezze und Zigaretten zusammensitzt, wenn der Taxifahrer extra anhält, um am Straßenrand Nüsse und getrocknete Früchte zu kaufen, wenn in Beirut des Nachts getrunken, gelacht und getanzt wird. Dann erscheint all das Konfliktpotenzial, das dieses Land in sich birgt, ganz weit entfernt und es wirkt fast, als hätten die Menschen hier gelernt, Momente viel mehr auszukosten – weil schon morgen alles anders sein kann.

Text: Marlene Resch
Fotos: Mathis Gann

Marlene war im März im Libanon und hat dort Land und Leute lieben gelernt. Die Vielfalt und Diversität dieses kleinen Landes sowie die Offenheit der Menschen haben sie beeindruckt und die Reise zu etwas ganz besonderem gemacht.
Bereits einige Wochen zuvor war KuKü-Teammitglied Mathis im Libanon und teilt hier nun einige seiner Fotos mit uns. (Tagsüber farbig, nach Sonnenuntergang schwarz-weiß.)

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Mathis Gann
Content Curator
Mathis lebt seit 2015 in Istanbul und ist Teil des dortigen KuKü–Teams. Er ist viel unterwegs - zur Zeit besonders gerne in der MENA-Region - und teilt seine Reise-Eindrücke in Form von Texten oder Fotografien mit uns.

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