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Und dann passiert … nichts.

By Theresa Wiedemann – Gesellschaft, Stimmen, Stories

Ich lebe in Istanbul und habe hier gelernt, auf alles gefasst zu sein. Dass der Wasserhahn nur ein leises Gurgeln von sich gibt, aber kein Wasser. Dass der Strom ausfällt und ich mich im Dunkeln (und ohne Internet!) zurechtfinden muss. Dass Wind, Nebel oder plötzlich aufpoppende Baustellen das Transportsystem der 20-Millionen-Metropole, das wie ein Uhrwerk funktioniert, ins Stottern bringen. Ich bin vorbereitet, habe Wasserreserven, eine aufgeladene Powerbank und eine alternative Route im Kopf.

Ob und wann einen diese Widrigkeiten ereilen, weiß man nicht. Im Gegensatz zu Feier- und Jahrestagen, die hier in einer ähnlichen Liga spielen, aber planbar sind. Während der beiden wichtigsten Feste setzt sich das ganze Land in Bewegung und fährt zu den Lieben – völlig sinnlos, zu dieser Zeit selbst auch die Stadt verlassen zu wollen. Am 1. Mai und dem Jahrestag der Gezi-Proteste bleibt man der Gegend um den Taksimplatz besser fern. Jetzt also jährt sich der Putschversuch vom 15. Juli 2016 zum ersten Mal.
Was auch immer damals genau geschah, das Ereignis ist überall präsent. Man hat das Datum zum offiziellen „Tag der Demokratie und nationalen Einheit“ erklärt. Die Bosporusbrücke wurde den Todesopfern gewidmet, in einer U-Bahn-Station lief man beim Umsteigen monatelang durch eine Galerie lebensgroßer Fotos derer, die hier schlicht „die Märtyrer“ sind. Glänzende neue Lira-Münzen wurden geprägt, Denkmäler eingeweiht. Und jetzt der erste Jahrestag.

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Mir wurde geraten, den Tag zu Hause verbringen. Polizei und Militär sind präsent in der Stadt, große Veranstaltungen geplant und sowieso: „Burası Türkiye“ – „Das hier ist die Türkei“ (bedeutet so viel wie „Man weiß hier nie“, oft begleitet von einem Schulterzucken, hochgezogenen Augenbrauen und einem angedeuteten, fast ein klein wenig stolzen Lächeln). Okay, also zu Hause bleiben. Kein Problem. Wie viele Regentage habe ich in Deutschland keinen Fuß vor die Tür gesetzt? Machbar.
Ich frühstücke ausgiebig, putze, wasche Wäsche, telefoniere mit Freunden (Vodafone schenkt mir anlässlich des Feiertages tausend Freiminuten – ich rechne aus, dass ich über 16 der 24 Stunden des Tages am Telefon verbringen könnte). Ich plane eine Reise, lese Artikel und dann … ist mir plötzlich unfassbar langweilig. Die Sonne scheint, vom Bosporus weht ein wilder Wind. Das ist kein verkaterter Regentag in Deutschland, das ist ein Tag, der laut „Merhabaaa!“ in meine Wohnung ruft. Ein irgendwie besonderer Tag. Oder doch ein ganz normaler?

Erster Indikator: Ein Blick aus dem Fenster auf die Straße, in der billige und oftmals unglaublich hässliche Klamotten verkauft werden. Nicht so voll wie normalerweise, aber geschäftig. Wenig später finde ich mich an der Statue wieder, die das Zentrum meines Stadtteils markiert. Bei jedem Fußballspiel und sonstigen Anlässen sammeln sich dort Wasserwerfer, Tränengaskanonen und Spezialeinheiten der Polizei. Heute dagegen: Nichts. Ich laufe zu dem großen Einkaufszentrum in der Nähe, das den einzigen brauchbaren und riesig großen Supermarkt der Gegend beherbergt. Familien diskutieren darüber, in welchen Ventilator sie investieren und Supermarktmitarbeiter schlängeln sich auf Rollschuhen durch die Regale.

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In anderen Teilen der Stadt fangen die Leute jetzt an, sich mit Spruchbändern und Flaggen zu sammeln. Hier, in dem jungen, linken Viertel passiert dagegen einfach – nichts. Zwei mehlig aussehende Bäcker lehnen rauchend an einem vor ihrem Laden geparkten Auto. An der Ecke, an der irgendwer Uhren verkauft, piepsen die Wecker wie immer. Die vom europäischen Ufer kommenden Fähren legen öfter an und sind überfüllter als sonst (freie Fahrt zum Feiertag). Ja, das ist anders. Trotzdem balanciert der Pier-Mitarbeiter, der dafür zuständig ist, die Menschenmassen auf das richtige Schiff zu lotsen, unbeteiligt wie eh und je auf einem gelben Poller, spielt an seinem Handy und vertraut auf den Orientierungssinn der Passagiere.

Ich trinke mit Blick aufs Wasser Cay und der ältere Herr am Nebentisch bittet mich darum, ein Foto von ihm zu machen. Auf den Straßen versuche ich etwas auszumachen, was diesen Tag von anderen unterscheidet, aber ich finde so gut wie nichts. Ich könnte Second-Hand-Telefone und Brautkleider kaufen, die Wahrsagerin ist zu Diensten, jemand trägt ein Regal. Die türkischen Nachrichten sagen, dass sich in der Nähe der ersten Brücke gerade fünf Millionen Menschen treffen und der Regierung zujubeln, laut Tagesschau sind es „mehrere Hunderttausend“. Ich merke von beidem nichts.
Später sitze ich vor einem Bier in der Kneipe. Die Leute in der Straße trinken, lachen, flirten, auch der massige Typ mit dem tätowierten Gesicht am Nebentisch. Nur kurz reden meine Freunde über heute und stoßen ein bisschen erleichtert an. Wir waren gefasst, aber es ist nichts passiert. Auch mal schön, vor allem in Istanbul.

Fotos © Filiz Sieben

Theresa Wiedemann
Content Curator
Studierte Kulturmanagerin, lebt in Istanbul. Mag Sprachen, Schreiben und Bosporusfährencay. Problemfeld: Türkische Vokabeln mit "y".