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Mekka – Zwischen Heiligtum und Katastrophe

By Esther Ecke – Gesellschaft, Stimmen

Eine schreckliche Katastrophe überschattete den höchsten muslimischen Feiertag in diesem Jahr, das Opferfest »Kurban Bayramı«. Nachdem der erste Schock verarbeitet ist, möchte ich allen Opfern, ihren Familien und Angehörigen mein tiefstes Mitgefühl ausdrücken. Mögen sie viel Kraft und Geduld in dieser schweren Zeit haben.
Ich gehe davon aus, dass dieses Unglück viele Menschen betroffen gemacht und berührt hat. Was sich aber in den sozialen Medien zu diesem Thema abspielt, ist mir fremd. Kommentare wie »Ich würde sofort tauschen um dort zu Tode zu kommen!« oder »Alhamdoulilah, sie kommen auf jeden Fall ins Paradies!« tanzen wild durch meinen Newsfeed und beschämen mich. Daneben mal wieder Bilder von Leichen. Eine Unart der Neuzeit, die ich sowieso nicht begreife. Überhöhte Vorstellungen, was den Tod in Mekka angeht, herrschen vor. Man spricht von Engeln, die die Seelen direkt in das Paradies bringen – die Katastrophe wird religiös romantisiert. Diese Menschen, die dort zu Tode gekommen sind, wurden in der Masse totgetrampelt! Eine der würdelosesten Arten zu sterben und sicher keine wünschenswerte. Ich empfinde es als extrem pietätlos, um den gleichen Tod zu bitten. Was mich aber noch mehr bedrückt: War diese Katastrophe nicht vorhersehbar? Gab es nicht erst kurz vor der Hadj schon ein Unglück, bei dem ein Kran in die Große Moschee stürzte und über 70 Opfer forderte? Wieso wird das, was da gerade passiert ist, nicht hinterfragt?

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Natürlich ist die Hadj eine der Säulen des Islam. Und natürlich wollen die meisten Muslime eines Tages die Kaaba mit ihren eigenen Augen sehen. Aber angesichts der Tatsache, wie wenig ein Menschenleben dort wert ist, finde ich das unhinterfragte Hinnehmen von Tatsachen erschreckend. Jedes Jahr strömen Menschenmassen nach Mekka, um ihre Pilgerfahrt zu vollziehen. Das Leben dieser Menschen zu schützen sollte, meiner Meinung nach, die oberste Priorität für das Gastgeberland sein. Angesichts von mittlerweile über 700 Toten fällt es mir schwer zu glauben, dass dem so ist. Die Verstorbenen reißen Lücken in Familien und werden nicht mehr in ihre Heimatstädte zurückkehren. An den Umgang mit den Leichen der Toten mag ich gar nicht denken. Es geht nicht darum, ob sie ins Paradies kommen oder nicht. Dieses Argument legitimiert nicht den unmenschlichen Umgang mit Anderen.

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Aus der Vogelperspektive auf Mekka lugt, umringt von riesigen Gebäuden, Türmen und anderen architektonischen Meisterwerken, die Kaaba vorsichtig hervor. Viele Pilger vergleichen Mekka mit Las Vegas, klagen über fehlende Spiritualität und kehren ernüchtert zurück. Wie kann es sein, dass Pilger sich Tipps geben, wie sie bestimmte Stationen der Pilgerfahrt unbeschadet überstehen? Ich frage mich, ob das der Sinn der Hadj ist. Ob es nicht Möglichkeiten gibt, die Rituale so anzupassen, dass solche Unglücke nicht mehr passieren können. Muss es nicht andere Lösungen für den Umgang mit so einer Masse an Menschen geben? An dieser Stelle soll weder zu einem Boykott aufgerufen, noch sonst in irgendeiner Art gewertet werden. Was ich mir wünsche ist lediglich ein Aufschrei. Der Drang, Dinge nicht einfach hinzunehmen sondern sie ändern zu wollen.

Mögen die Verstorbenen in Frieden ruhen.

Credits
Text: Esther Ecke
Foto: Islam Freedom

Esther Ecke
Content Curator
Getreu ihrem Motto „Being interested is a talent“ schreibt Esther über alle Themen, die ihr über den Weglaufen und ihr Interesse wecken. Zwei ihrer großen Leidenschaften sind die Musik (insbesondere Rap) und Marokko, wo sie einige Zeit gelebt hat.

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