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»Mein Name ist Ausländer!«

By Esra Göksü – Gesellschaft

„Wenn sie sagt, Sie sei unheimlich Glücklich, Heißt es, Dass sie heimlich
Unglücklich ist, Weil sie Kein Heim hat“
Wann ist man heimlich unglücklich?
Ist es der Ort, den ich gelernt habe, als mein Heim zu betrachten?
Sollte man nicht dort, wo man heimlich ist, sich unheimlich glücklich fühlen?
Gesehen habe ich dieses Gedicht das erste Mal, in Form von Textfragmenten, in einem Kurzfilm von Cana Bilir-Meier in der Kunsthalle Wien. Ihr fragt, von wem das Gedicht ist?

Ihr Name ist Semra Ertan. Sie selber schreibt: „Mein Name ist Ausländer“. 1972 ist sie mit 15 Jahren zu ihren Eltern in die Bundesrepublik Deutschland gezogen, um einen Beruf zu erlernen, um zu arbeiten. Das hat Semra dann auch in sehr kurzer Zeit geschafft. Neben ihrer Berufung als technische Zeichnerin und Dolmetscherin, hat sie zahlreiche Gedichte geschrieben. In ihren Gedichten beschreibt sie sich selbst und die Anderen:

„ […] Meine Arbeit ist schwer; Meine Arbeit ist schmutzig; Das gefällt mir nicht, sage ich
„Wenn dir die Arbeit nicht gefällt, geh in deine Heimat“ sagen sie; […] Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen; Liegt nicht bei den Türken; Die Türkei braucht Devisen; Deutschland Arbeitskräfte; die Türkei hat uns nach Europa geschickt; Wie Stiefkinder,
Wie unbrauchbare Menschen; Aber dennoch braucht sie Devisen; Braucht sie Ruhe;
Mein Land hat mich ins Ausland geschickt; Mein Name ist Ausländer.“ (Fragmente aus dem Gedicht: Mein Name ist Ausländer)

An dem Tag vor ihrem 26. Geburtstag, nennt Semra, in einem Radiointerview in Hamburg, ihre Forderung:
„Ich möchte, dass Ausländer nicht nur das Recht haben, wie Menschen zu leben, sondern auch das Recht haben, wie Menschen behandelt zu werden. Das ist alles.“

Am selben Tag wird folgende Nachricht gesendet: Ein türkisches Mädchen mit dem Namen Semra hat sich verbrannt.

In einem Interview erzählt ihr Vater von den Geschehnissen: „Wir hörten in letzter Zeit öfter, dass Ausländer angegriffen werden. Diese Vorfälle besorgten meine Tochter sehr. Ein Tag vor ihrem Geburtstag ist sie verschwunden. Ihre Mutter hatte den Tisch zum Anlass ihres Geburtstages gedeckt. Wir haben nach Semra gesucht, haben sie aber nicht gefunden. Doch nach einiger Zeit kam die Polizei und sagte, dass meine Tochter in Hamburg sich verbrannt hatte. Als wir dann in Hamburg waren, war meine Tochter bereits verstorben.“

Um ein Zeichen gegen den Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland zu setzen, hat sich Semra Ertan an der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße/ Detlef-Bremer-Straße in Hamburg in Brand gesetzt.

35 Jahre ist es her, dass Semra Ertan sich verbrannt hat, um auf den Rassismus aufmerksam zu machen. Sie hat ein Zeichen gesetzt. Was von dem Zeichen heute noch zu sehen ist? Nun, genau das wollte ich euch gerade fragen.

Esra Göksu
Content Curator
Esra ist unsere zweite Praktikantin. Sie studierte Philosophie und macht ihren Master in Kunst und Gestaltung. Mit der Stuttgarterin, die ihre Wurzeln in Kars hat, kann man sehr lange, tiefgründige und kritische Gespräche führen über Kunst, Politik und Gesellschaft.

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