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Liberal legal – konservativ egal?

By KuKü – Redaktion – Gesellschaft, Stimmen

Letzte Woche stieß ich wohl ungewollt eine Diskussion um konservative und liberale Muslime an. Es scheint hierzu noch großen Diskussionsbedarf zu geben.

Verständlicherweise wird man auf Facebook & Co keine wissenschaftlichen Diskurse aufarbeiten können. Man sollte für den eigenen Standpunkt mit einer klaren Sprache eintreten dürfen, ohne zu diffamieren. Schließlich sollen Leser zum Nachdenken und zur Teilhabe am Gedachten angeregt werden.

Meine Lesung der islamischen Ideengeschichte, lässt mich folgende These zum Einfluss des Politischen auf das Religiöse formulieren: Politik hatte schon immer Einfluss auf das Religionsverständnis der Muslime. Die religiöse Sphäre ist in einen politischen Rahmen eingebettet und entwickelt sich darin. Muslimische Strömungen sind aus solchen unterschiedlichen soziopolitischen Umständen hervorgegangen. Auch heute entstehen neue Strömungen.

Allein die Existenz von Sunniten (Anhänger der Tradition des Propheten) und Schiiten (Anhänger von Ali), der Mutazila (Rationalisten), Dschabriyya (Fatalisten), Qadariyya (Anhänger des freien Willens) oder der mystischen Ausrichtungen sind Ausdruck sozialgeschichtlicher und politischer Entwicklungen, deren Diskursstränge bis in die heutige Gegenwart reichen. Auch innerhalb der Sunniten, entwickelten sich, je nach unterschiedlichen Kontexten, verschiedene Rechts- und Theologieschulen.

Wenn man wirklich behaupten will, all das sei im luftleeren Raum, allein aus religiösen Beweggründen entstanden, fernab von Politik und Machtansprüchen, dann verkennt man entweder den Einfluss der Sozialgeschichte auf unsere Vorstellung vom „richtigen“ religiösen Denken oder man hält an einer naiven „salafistischen“ Vorstellung von Religiosität fest.

Politik wirkte schon zu Ummayadanzeit (661-750), als die Dschabriten (Fatalisten) zum eigenen Machterhalt, u.a. gegen Rationalisten und Schiiten, unterstützt wurden. Die Abbasiden (750-1256) promoteten zunächst die Rationalisten. Diese Ära ging in die islamische Geschichte als Mihna (arab. Prüfung) ein. Es handelte sich hier um eine Inquisition der Rationalisten, die ihre Lehre zur Staatsdoktrin erklärten. Sunnitische Gelehrte, darunter Ibn Hanbal (780-855), widersetzten sich dem und wurden dafür verfolgt. Später erfreuten sich die verfolgten Sunniten der Unterstützung des Kalifen. Diesmal schwebte das Damoklesschwert über ihren rationalistischen Peinigern.

Auch Seldschuken (1040-1307) unterstützten, je nach politischer Großwetterlage, zumeist die eher auf Ordnung und Sicherheit orientierte sunnitische Theologieschule der Aschariyya. Sie galten mit dem flächendeckenden Ausbau der „Nizamiyya-Madrasa“ (religiöse Schulen) als Bollwerk gegen den schiitischen Einfluss. Bei den Osmanen wurde diese Tradition fortgeführt. Bei drohendem Einfluss der Schia (aus Persien) auf die eigene sunnitische Bevölkerung, wurde zeitlich die auf Vernunft und Freiheit großen Wert legende sunnitische Theologieschule der Maturidiyya verzweckt. Zum Machterhalt der Sultane hingegen, förderte man durchgehend die Aschariyya.

In der langen Geschichte des Islams sind bis heute verschiedene religiöse Strömungen entstanden, die aus dem jeweiligen kulturellen, politischen und historischen Geist emporgingen und bestimmte Begriffe „islamisch“ aufluden. Wie in der Geschichte, wurden auch neuere Strömungen von konkurrierenden Gruppen kritisiert, von der Politik unterstützt oder verfolgt.

Begrifflichkeiten versuchen ein Phänomen zu erfassen. So ist die Verwendung von “liberal”, “konservativ”, “islamistisch” oder “orthodox” im hiesigen Kontext legitim und, um etwas,was da ist, zu verstehen. Das eigentliche Problem lag schon immer im Alleinanspruch auf Wahrheit. Wenn etwa Gruppen/Strömungen für sich beanspruchen, den Islam als einzige richtig verstanden zu haben.

Viele dieser islamischen Gruppierungen lassen sich im konservativen Milieu verorten. Bezogen auf die Türkei kann man das auch zeitgeschichtlich belegen. Nach 1950 haben islamische Gruppen/Strömungen (Gemeinden, Orden) die konservative „Demokrat Parti“ von Adnan Menderes gewählt. Ab den 1960-ern konzentrierte sich diese Wählerschaft auf die konservative Nachfolgerpartei „Adalet Partisi“ des legendären Süleyman Demirel. In den 1970-ern differenzierte sich das Wahlverhalten der islamischen Gruppierungen von konservativ, nationalistisch bis islamistisch. Nach den 1980-ern war Turgut Özal mit seiner konservativen ANAP Anlaufstelle vieler Muslimgruppen. Ab den 1990-ern erstarkte zunehmend die islamistische Partei Erbakans, aus der die spätere „AK Parti“ von Erdoğan hervorging. Zunächst galt „AK Parti“ als konservativ-liberal, in den letzten 7 Jahren zeigen sie jedoch verstärkt nationalistische und islamistische Reflexe.

Die jüngste Geschichte der Türkei zeigte für alle verständlich, wie Politik eine religiöse Gruppe zunächst massiv mit staatlichen Mitteln förderte, sie mit diesem Rückenwind wuchs und gedieh. Später wurde sie fallen gelassen und in genauso radikaler Form bekämpft. Derzeit befindet sich diese religiöse Gruppe in Auflösung.

Politik ist der Rahmen, in dem religiöse Gruppen und religiöses Leben eingebettet sind. Wenn Muslime etwa in einer Monarchie leben, so nimmt ihr Religionsverständnis zu weiten Teilen diese Form an. Dies gilt genauso für eine Diktatur oder Demokratie. Die hiesige muslimische Community lebt in Deutschland in einer freiheitlichen Demokratie. So ist es auch völlig verständlich, dass sich hierzulande, neben den ohnehin konservativen Muslimen, auch liberale Muslime mit eigener Leseart des Religiösen bilden. Die öffentliche und mediale Präsenz der liberalen Muslime ist für konservative Muslime eine Herausforderung, der sie trotz ihrer Zahlenstärke intellektuell nicht gewachsen scheinen.

Dass wir hiesige Muslime hierzulande offen darüber diskutieren (können), ohne gleich befürchten zu müssen, morgen von Muhabarat, Schariapolizei oder Milizen abgeholt, unterdrückt und abgeschafft zu werden, ist meines Erachtens schon ein starker Hinweis darauf, dass wir hier einen deutschen Typus des Muslimseins hervorgebracht haben, der von der vorherrschenden politischen Kultur geprägt und hier in Deutschland beheimatet ist. Nun gilt es, diese Richtung eines deutschen Islam konsequent weiterzugehen.

Text: Musa Bağraç

KuKü – Redaktion
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