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Ich bin nur ein Kind

By Esra Göksü – Stimmen

Frag bitte  nicht nach meinem Namen. Was hat es denn noch für eine Bedeutung? Ich könnte Leo sein, oder Dominik heißen. Ihr könnt mich Ayşe nennen; Du kannst nach Adam, Ali oder Rojin rufen. Es genügt aber, wenn ihr mich Kind nennt. Denn ich bin nur ein Kind.

Frag mich bitte nicht nach meinem Alter. Ich könnte zwei Jahre alt sein oder sechs. Vielleicht bin ich auch sechzehn. Ich weiß es nicht.

Wer ich bin?

Ich bin das kleine Mädchen aus dem blauen Herzen Europas. Niemand hat mich gefragt, ob ich Kind bin. Als sie ihre Waffen gegen mich gerichtet haben, sahen sie mir nicht mal ins Gesicht. Sie fragten nicht, was ein Kind möchte; Sie fragten nicht nach meinen Träumen; nach meinen Wünschen. Vor dem Lesen und Schreiben, habe ich das Überleben gelernt. Ich habe gelernt, wie man sich vor Scharfschützen verstecken kann. Ich habe mir einen Himmel gewünscht, der mit tausenden Sternen geschmückt ist. Doch mein Himmel war voller Bomben und Raketen. Ich habe mir keine Bomben gewünscht. Ich habe mir den Tod nicht gewünscht. Den Tod meines Bruders, den Tod meines besten Freundes und den Tod vieler unschuldiger Menschen, habe ich mir nicht gewünscht;

Ich träume davon, wie ich spiele, lache, tanze… wie alle Kinder dieser Welt.

Ich bin der Junge aus Kahramanmaraş. Ich war ein Kind, als unser Haus mit roter Farbe markiert wurde: ein rotes Kreuz an der Haustür. Ich dachte, es ist ein Spiel. Denn nicht alle Haustüren waren markiert. Dann mussten wir gehen. Wir mussten das Haus verlassen, indem wir gelebt haben, die Nachbarschaft verlassen, in der ich groß geworden bin. Ich glaubte es ist ein Spiel. Ich war Kind, als sie mich jagten. Ich war Kind als sie meine Hände und meine Arme zerschnitten. Ich war Kind, als sie mich in einen Kessel steckten und mich verbrannten. Ich war Kind, wie viele andere Kinder auf dieser Welt.

Ich bin das syrische Kind. Während wir unser Brot teilten, so als würden wir Spiele spielen, brüderlich, friedlich, musste sich etwas ändern. Bomben regneten auf uns nieder, wir spielten Verstecken. Überall Feuer, überall Trümmer.  Dann haben sie uns gefunden. Es waren viele Monster mit riesigen Körpern und hässlichen Köpfen. Ich versteckte mich hinter meiner Mama. Sie zerrten an mir, ich weinte. Sie zerrten an mir, warfen mich auf den Boden, zerrissen meine Kleider und dann… dann taten sie mir weh. Einer… zwei… drei…fünf zehn… zwanzig… welche Zahl nach zwanzig kommt, wusste ich nicht. Ich war doch noch ein Kind und musste das Zählen noch lernen.

Ich bin doch nur ein Kind von vielen Millionen Kindern auf dieser Welt.

 

 

Esra Göksu
Content Curator
Esra ist unsere zweite Praktikantin. Sie studierte Philosophie und macht ihren Master in Kunst und Gestaltung. Mit der Stuttgarterin, die ihre Wurzeln in Kars hat, kann man sehr lange, tiefgründige und kritische Gespräche führen über Kunst, Politik und Gesellschaft.

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