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Habt keine Angst – Eine Geschichte aus der U3. Von Anahita Tasharofi aus Wien.

By Ömer Mutlu – Gesellschaft, Stories

Ich sitze in der U3
Mir gegenüber ein Mann, der ein Buch liest
Darauf sieht man eine arabische Schrift (Nein, kein Koran)
Eine Dame neben ihm wird total nervös
Sie schaut ständig auf das Buch
Der Mann nimmt ihre Blicke wahr
Auch er wird nervös
Ich sehe beide genervt an, da ich irgendwie ahne, was passiert
Ich nehme meine Kopfhörer aus den Ohren und sehe gespannt und genervt zugleich zu
Genervt von dieser Welt
Genervt von diesem Tag
Genervt von dieser dreckigen U-Bahn
Genervt von all den Menschen
Aber gleichzeitig finde ich es lustig
Der Mann sieht die Dame an und fragt:
„Alles ok?“
Die Dame:
„Jaja, wollte nur schauen was Sie da lesen..“
Sie steht auf
Stellt sich im gleichen Wagon ein wenig entfernt hin und sieht immer wieder rüber
Er starrt mich verwundert an
Ich schaue ihm in die Augen und zucke gelangweilt die Achseln
Schließlich steigt er aus
Die Dame kehrt zurück
Ich sehe sie an und sage:
„Schauen Sie!
Wenn Sie Angst haben, dass sich wer in die Luft jagt, da müssen Sie schon zumindest den Wagon wechseln…“
Sie sieht mich genervt an
Ich habe ein schlechtes Gewissen so hart zu ihr gewesen zu sein
Andererseits denke ich mir
„Whatever“
Wir steigen beide aus
Ich denke mir Vieles
Einerseits fand ich es amüsant
Andererseits war ich genervt
Dann auch wieder traurig
Denn genau das ist das Ziel des Terrors:
Angst
Panik
Hysterie…
Jetzt müssen einige Menschen ihr Buch verstecken, weil es die „falsche“ Schrift beinhaltet?!
Menschen mit islamischer Kleidung werden rassistisch attackiert
Geflüchtete entschuldigen und rechtfertigen sich grundlos, obwohl sie vor dem gleichen Terror fliehen
Populistische Opportunisten ergreifen die Chance und hetzen, um Stimmen zu gewinnen, nachhaltig jedoch haben sie keinerlei konstruktive Lösungen parat
Gesetze werden umgangen und rechtes Gedankengut durch rechte Politik salonfähig gemacht
Die politische Mitte sieht zu
Die politischen Linken sind zu schwach
Mal demonstrieren die Rechten
Mal demonstrieren die Linken
Das ganze Spiel geht weiter
Und eines Tages
Eines Tages, da sterben wir alle
Und es ist plötzlich vorbei
Plötzlich ist alles vorbei und dann?
Wie möchten wir leben?
Was wollen wir erreichen?
Ich für meinen Teil denke immer häufiger an dieses absurde Spiel
„Wenn es mein Schicksal ist, dann sterbe ich eben sobald es soweit ist“
Ist mein Motto
Ich werde daher einfach leben
Ich werde es zumindest versuchen
Ich werde weiterhin in der U-Bahn Bücher in „arabischer“ Schrift bzw. auf Farsi lesen
Ich werde weiterhin laute orientalische Musik hören, obwohl es mein Wiener Nachbar nicht mag
Genauso werde ich laute Punk Musik in Teheran hören, obwohl es meine konservative iranische Familie nicht mag
Ich werde weiterhin Wiener Schnitzel essen, auch wenn es „haram“ ist
Ich werde weiterhin nicht verheiratet sein, auch wenn es meine iranische Familie väterlicher Seite gerne hätte
Ich werde weiterhin Partner haben und diese auch wechseln falls erforderlich
Ich werde weiterhin Freiheit für Palästina rufen und das bedeutet NICHT, dass ich Antisemitin bin
(Alle, die es denken, sollen nur! Kam absurder Weise schon Mal vor! Gerade aber ist mir alles egal…)
Ich werde weiterhin auf mein Herz hören
Ich werde weiterhin meinem Gewissen folgen
Ich werde immer für Frieden und Freiheit aufrufen
Egal, welche Nationalität oder Gruppierung es betrifft
Ich werde einfach frei sein
Habt keine Angst

Ömer Mutlu
Founder

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