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Was die Osmanische Geschichte mit der Gegenwart zu tun hat – ein Interview mit Rasim Marz

By Melisa Gürleyen – Interview, Kültür

 

Wir treffen uns in einem Kölner Café mit dem Historiker Rasim Marz, der mit so viel Wissen über das Osmanische Reich ausgestattet ist, dass man damit Bibliotheken füllen kann. Seine eigenen  tun dies bereits an Universitäten wie Cambridge oder Oxford. Es folgt ein Gespräch über Geschichte, das Osmanische Reich, die Abschaffung des Fernsehers, und die Pressekultur in der Türkei.

Bei der Brisanz der Themen über die sich die Gemüter uneiniger nicht sein könnten, ist der Blick zurück in die Geschichte umso lohnenswerter. Wenn es um das Thema Geschichte geht, ist Rasim Marz auf jeden Fall die richtige Adresse!

Herr Marz, Sie haben einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter. Warum interessiert man sich so sehr für die osmanische Geschichte?

Ein Interesse für Geschichte war schon seit frühester Kindheit da. Es fing an mit dem alten Ägypten und hat sich bis zum Osmanischen Reich weiterentwickelt. Außerdem haben meine Eltern mich immer darin unterstützt, eine kleine Bibliothek aufzubauen. Somit konnte ich mir das Wissen aus den ganzen Büchern schon früh aneignen, was heute leider viel zu kurz kommt.

So ist aus Ihrer Liebe zu Büchern also Ihr Beruf als Autor und Historiker entstanden. In Ihrem neuen Buch „Ali Pascha – Europas vergessener Staatsmann“ fokussieren Sie sich auf einen ganz bestimmten Teil der osmanischen Geschichte. Wie wurde das Osmanische Reich für Sie vom Interesse zum Lebensunterhalt?

Mit meinem neuen Buch fokussiere ich mich auf die europäische Diplomatie des 19. Jahrhunderts aus der Sicht eines osmanischen Staatsmannes. Und was das Interesse angeht, verlief mir der Übergang zwischen dem Osmanischen Reich und der türkischen Republik zu glatt. Es gab zu viele ungeklärte Fragen: Was geschah mit dem letzten Sultan? Was geschah mit der osmanischen Familie und was geschah mit der osmanischen Elite? Das sind alles Fragen, die mich gereizt haben, da weiterzuforschen. In der türkischen Geschichtsschreibung wird das außer Acht gelassen, um dem kemalistischen Gründungsmythos gerecht zu werden.

Was verstehen Sie unter dem kemalistischen Gründungsmythos?

Unter dem Gründungsmythos verstehe ich den Befreiungskrieg, also den Kurtuluş savaşı, aus der subjektiven Sicht Mustafa Kemal Atatürks. Das ist aber eine sehr einseitige Perspektive, da der Befreiungskrieg sehr viele Ansichten hat, wie zum Beispiel die der ganzen Generäle. Da Mustafa Kemal Atatürk dann aber Staatspräsident war, dominiert in der türkische Geschichtswissenschaft natürlich seine Perspektive von dem Krieg. Der Gründungsmythos ist dem Zeitgeist geschuldet. Immerhin ging es darum, etwas völlig Neues, und zwar eine Republik aufzubauen! Da war kein Platz für die alten Strukturen des Osmanischen Reichs.

Haben Sie Beispiele für außer Acht gelassene Perspektiven?

Zum Beispiel, dass der letzte Sultan Mehmet VI. Vahideddin nicht gegen die Nationalbewegung gearbeitet hat, sondern mit der Nationalbewegung in Ankara operiert hat, sich solidarisch gezeigt hat. Was aber natürlich nicht in das Bild der damaligen türkischen Republik passte.

Gibt es ihrer Meinung nach eigentlich heute noch sichtbare politische Auswirkungen, die aus der Zeit stammen?

Natürlich, da haben wir beispielsweise das Sykes-Picot-Abkommen von 1916. Es ist aktueller denn je, denn, wenn Sie den aktuellen syrischen Bürgerkrieg und den Zerfall des Iraks verstehen wollen, müssen Sie die Geschichte kennen, als ein britischer Offizier und ein französischer Diplomat den Nahen Osten auf der Karte mit Stift und Lineal aufteilten, lange bevor das Osmanische Reich den Ersten Weltkrieg verlor. Dieses Abkommen, das damals zwischen Großbritannien und Frankreich abgeschlossen wurde, hatte die Aufteilung der arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches vorgesehen. Dies hatte schwerwiegende Folgen: So wurden Provinzen, die sich über Jahrhunderte im Osmanischen Reich entwickelten, aus dem Staatssystem willkürlich herausgerissen, unter den beiden Großmächten aufgeteilt und wieder willkürlich miteinander verbunden. So wurden komplett verschiedene Kulturen, Religionen und Völker in ein neues staatliches Konstrukt gezwungen. Diese Mandatsgebiete der Briten und Franzosen haben den Grundstein heutiger Probleme in dieser Region gelegt.

Was genau sind diese Probleme?

Wir haben religiöse Konflikte, wir haben ethnische Konflikte und der Ursprung liegt in diesem Vertrag. Die Wissenschaftler sind sich einig, es gibt zwar kein Sykes-Picot mehr, aber da der syrische Bürgerkrieg und der Irak Krieg jegliche Staatliche Strukturen zerstört haben, gibt es so gesehen die Staaten Syrien und Irak nicht mehr, sondern ein Vakuum, das hinterlassen wurde, das bisher noch nicht ausgefüllt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Grenzüberschreitung des IS. Der Islamische Staat hat sowohl Mitglieder durch Anwerbung bekommen als auch großen Wiederhall in der arabischen Jugend gefunden, dadurch, dass sie die syrischen Grenzen durchquert und damit deren Bulldozer zerstört haben – das alles unter dem Statement „Wir haben es geschafft Sykes-Picot zu vernichten.“ Das ist sehr interessant, dass der Vertrag sich nach über hundert Jahren in das Gedächtnis dieser Menschen eingebrannt hat, als Grundübel, das es zu beseitigen gilt.

Und wie sehen Sie die Lage der Türkei in dem Ganzen? Oft wird von diktatorischen Verhältnissen in der Türkei gesprochen, würden Sie dem zustimmen?

In seinen Grundfesten ist die Türkei immer noch ein Rechtsstaat. Was das Demokratieverständnis betrifft, haben wir eine weltweite Zäsur dahingehend, dass das Verständnis der Volkssouveränität neu überdacht werden muss. Die Demokratie befindet sich in einer Sackgasse, weil der Populismus das demokratische System, so wie wir es kennen, auf den Kopf gestellt hat – nicht nur in der Türkei, auch in Amerika, England und sicherlich in naher Zukunft auch in anderen Europäischen Ländern. Und da lautet die Frage: Wie können wir im 21. Jahrhundert Volkssouveränität definieren und was können wir für neue Lösungen anbieten?

Als eine weitere gefährliche Entwicklung wird die zunehmend eingeschränkte Pressefreiheit in der Türkei angesehen. Wie schätzen sie das ein?

Ich denke mal, dass wird sich klären lassen, aber ich möchte darauf hinweisen, dass sich in der Türkei Jahrzehnte feststellen lassen, in der die Pressefreiheit wesentlich liberaler ausgelegt war. Gegen Ende des Osmanischen Reichs, von 1908 bis 1922 zum Beispiel, haben wir eine blühende Presse-Landschaft. Um auf die heutige Zeit zurückzukommen, sind auch die Jahre zwischen 2002 und 2011 als positive für die Presse zu vermerken. Daher darf man nicht vergessen, dass die Regierungen vor Erdogan auch nicht zimperlich mit der Presse umgegangen sind.

Welche meinen Sie da konkret?

Allen voran unter Mustafa Kemal Atatürk selber, aber auch im vergangenen Jahrzehnt unter Turgut Özal. TV Kanäle wurden monatelang gesperrt, wenn sie etwas regierungskritisch waren. Daher besitzt die Türkei keine Pressekultur, die mit der europäischen Pressekultur vergleichbar wäre. Eine türkische Pressekultur hat sich erst ab 2002 langsam entwickelt, zu dem, was man als europäischen Standard bezeichnen würde. Dadurch war es zum ersten Mal auch möglich, sich reflektierter mit der Vergangenheit Atatürks auseinanderzusetzen, als ihn ausschließlich zu stigmatisieren. Denn, auch das bedeutet Pressefreiheit.

Alles in allem kann man aber trotzdem zusammenfassen, dass die Fronten zwischen den westlichen, vor allem europäischen Ländern und der Türkei nicht besonders hoffnungserregend sind. Welche Schritte müssten Ihrer Meinung nach eingeleitet werden, damit sich das Ganze noch zum Positiven dreht?

Zuallererst muss die Interventionspolitik des Westens ein Ende haben, weil bisher jede Intervention des Westens den Zusammenbruch staatlicher Strukturen zufolge hatte. Wir können das nicht nur im Nahen Osten beobachten, wo die Paradebeispiele Irak und Syrien sind. Wobei ich auch die amerikanische Unterstützung der Rebellen als Interventionspolitik sehe. Denn diese „Rebellen“ sind letztendlich islamistische Terrororganisationen. Wir können es im Orient nicht mehr verkraften, Gebiete zu zersplittern und Kleinstaaterei zu betreiben. Was hat diese Kleinstaaterei denn zur Folge? Wir werden damit nur weitere Konflikte schüren und die Chance auf ein friedliches Zusammenleben somit endgültig begraben. Wir werden dort auf kurz oder lang eine Politik des Hasses und des Misstrauens vorherrschen sehen…

Wo bleibt das Positive?

(lacht) … Leider kann ich der Lage wenig Positives abgewinnen. Die Gegensätzlichkeit der heutigen Situation zu osmanischen Verhältnissen ist jedoch interessant. Da sah das Zusammenleben der Völker komplett anders aus. Ich sage es mal so: Wenn jemand, der die Geschichte des Osmanischen Reichs nicht kennt, lesen würde, wie verschiedenste Völker und Religionen mehr oder minder im Frieden zusammengelebt haben, der würde es als blanke Utopie bezeichnen. Aber wir wissen, es hat es gegeben! Gleichzeitig wissen wir aber, dass sich Politiker nicht an den Geschichtsbüchern orientieren und leider nie aus den Fehlern der Geschichte lernen werden.

Melisa Gürleyen
Content Curator
„Wenn ihr mich fragt, zeigt KuKü, dass die Kultur von Balkan bis Middle East aus mehr besteht als Döner, günstige Urlaubsmöglichkeiten und 3erBMW“ mit diesem Satz hat sich Melisa (wie Doppel S ausgesprochen) bei Kunst & Kültür beworben und ist seit dem als Content Creator dabei. Neben ihrem „Irgendwas mit Medien Studium“, macht sie es sich zur Lebensaufgabe jeden Burgerladen dieser Welt auszutesten.