• KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

From Home to Home – Wie ich mitten im Leben eine zweite Heimat fand.

By KuKü – Redaktion – Photography, Stimmen

Es ist jetzt fast vier Jahre her, dass ich beschloss mit einer guten Freundin in den Urlaub zu fahren und wir uns nicht ganz für ein Ziel entscheiden konnten. Der Einfachheit halber beschlossen wir, erst ein paar Tage mit dem Schiff in den hohen Norden zu fahren, um dann den Rest der Reise in Istanbul zu verbringen. Die Stadt, von der wir schon so viel gehört hatten und unter der wir uns trotzdem so wenig vorstellen konnten. Während der Reisevorbereitungen begegneten uns immer wieder die unterschiedlichsten Meinungen zur Stadt am Bosporus. Ein Bekannter erklärte mir noch kurz vor der Reise: „Entweder du verliebst dich oder du möchtest nie wieder zurück. Ein Dazwischen gibt es nicht.“ Und wie ich sehr schnell erfahren sollte, hatte er damit nicht ganz Unrecht.

anna-unglau-kukue-11

anna-unglau-kukue-12

Das erste Mal setzte ich also im Herbst 2013 meinen Fuß auf Istanbuler Boden. Und während wir noch in der Schlange der Passkontrolle am Atatürk Flughafen warteten, war ich schon vollständig fasziniert von all dem Leben um uns herum. Dem Trubel der vorbeieilenden Fluggäste; die neue, aber irgendwie vertraute Melodie der türkischen Sprache; die durchbohrenden Blicke der Polizeibeamten beim Kontrollieren unserer Ausweise und besonders die Vielfalt der Menschen ließen mich staunen. Wir hatten den Flughafen noch nicht einmal verlassen und schon fühlte es sich an, als würden wir eine Reise durch die verschiedensten Kulturen und Religionen der Welt unternehmen.

anna-unglau-kukue-10

anna-unglau-kukue-09

Wie so viele Besucher suchten auch wir in unseren vier Tagen in Istanbul fast nur die typischen Sehenswürdigkeiten auf und genossen es, in kleinen, versteckten Cafés zu verweilen. Und während meine Freundin nach drei Tagen immer noch schwankte wie sie diese riesige Stadt finden sollte, war für mich irgendwie klar: Das passt.

Und das, obwohl Istanbul sich nicht gerade von seiner charmantesten Seite zeigte. Das andauernde Rauschen der Straße; die riesigen Müllhaufen, die überall herumlagen und über die man mit der Zeit lernt elegant hinwegzuschreiten; die überwältigenden Menschenmengen auf den großen Straßen und Plätzen; die merkwürdigen Vergleiche fremder Menschen, welche der Meinung waren, ich sähe aus wie Lady Gaga oder Shakira und zum Abschluss ein nächtlicher Besuch in der Notaufnahme eines Krankenhauses (einem kleinem Hundebiss sei dank) waren nicht gerade die besten Startbedingungen. Und doch war diesmal irgendetwas anders.

anna-unglau-kukue-08

anna-unglau-kukue-07

Ich flog also nach vier Tagen mit diesem einen, neuen Gefühl nach Hause. Und während ich zwei Tage später noch am Sortieren meiner Bilder war, stand für mich fest, dass ich zurückgehen möchte. Für eine längere Zeit. Wochen oder Monate. Irgendwann.

Um die Zeit bis zum irgendwann zu überbrücken, druckte ich mir noch in der gleichen Woche eines meiner Lieblingsbilder aus und hängte es direkt neben mein Bett. Als Motivation und vor allem als Erinnerung, um das Fernweh zu überbrücken.

Und wie sich gezeigt hat, sollte das „irgendwann“ gar nicht so lange auf sich warten lassen. Schon ein Jahr später steckte ich mitten in den Planungen für ein dreimonatiges Praktikum am Bosporus, paukte zweimal die Woche im Intensiv-Kurs Türkisch und bereitete mich auf meinen Abschied von Zuhause vor. Ohne zu wissen, dass dies die Vorbereitungen für mein zweites, neues Zuhause sein würden.

anna-unglau-kukue-06

anna-unglau-kukue-05

Und obwohl auch bei diesem, etwas längeren Besuch nicht alles glatt gehen sollte (unter anderem wurde mein Praktikum kurzfristig wegen unzureichender Türkisch-Kenntnisse abgesagt) landete ich für drei Monate in dieser Stadt und konnte sie auf eine langsame und unaufgeregte Art und Weise entdecken. Natürlich gab es wie bei jeder längeren Reise auch hier Höhen und Tiefen, und zwischendurch habe ich mich sehr nach Berlin gewünscht.

Dennoch traf mich der Abschied dieses Mal ungewohnt hart. Noch während das Flugzeug am Flughafen stand und auf die Starterlaubnis wartete,  konnte ich mir die Tränen nicht mehr verkneifen. Der Gedanke, nicht zu wissen, wann ich das nächste Mal dort sein werde und was bis dahin passiert, führen noch heute bei jedem Abschied zu einem merkwürdigen Verkrampfen der Brust und einem unglaublich riesigen Kloß im Hals, welchen ich immer noch mehrere Tage in Berlin mit mir rumtrage.

anna-unglau-kukue-04

anna-unglau-kukue-03

Ich hätte nie gedacht, dass ich dieses Gefühl einmal erleben darf (schließlich war und ist Berlin für mich meine Kindheit, meine Jugend und mein Zuhause). Umso dankbarer bin ich jedoch, dass Istanbul mir gezeigt hat, dass es sie gibt: die totale Vertrautheit in der Fremde. Und bei jedem neuen Besuch freue ich mich wieder darauf, dieses Herzklopfen zu spüren, wenn ich die Gangway des Flugzeuges verlasse, den ersten Schritt in Richtung Ausgang mache und vor mir in riesigen Buchstaben die Worte “Hoş geldiniz” erscheinen.

anna-unglau-kukue-02

anna-unglau-kukue-01

Text und Fotos © Anne Unglaub

KuKü – Redaktion
Wenn du dich von KuKü angesprochen fühlst, deinen Beitrag leisten möchtest in Form von Texten, Fotos oder Filmen, melde dich gerne unter: mitmachen@kukue.tv

Leave A Comment