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Warum Haftbefehl den Duden der Zukunft mitprägen wird – Ein Interview mit Falk Schacht

By Esther Ecke – Interview, Music

Von SSIO bis Casper – Falk Schacht hatte sie alle. Mixery Raw Deluxe und meine Jugend sind eng miteinander verstrickt. Für Kunst & Kültür begab sich die Legende des deutschen Hip Hop-Journalismus trotz fieser Erkältung in die Rolle des Interviewten. Herausgekommen ist ein spannendes Gespräch über Journalismus, Rap, Migration und Frauen.

Falk, eine Frage an dich als Journalisten: Welche drei deutschsprachigen Journalisten verfolgst du aktuell beziehungsweise findest du wichtig?
So einen richtigen Lieblingsjournalisten von heute hab ich fast nicht, beziehungsweise das ist echt schwierig. Früher habe ich gerne Sachen von Giovanni di Lorenzo und Frank Schirmmacher gelesen – und jetzt wird’s schon eng. Wen ich immer mal wieder lese ist Jakob Augstein und tatsächlich Sascha Lobo, der ja viel gehasst wird. Aber er bereichert mich ständig. Den lese ich tatsächlich jede Woche und verpasse keinen Text, weil er einfach in sehr prägnanter und kurzer Form Dinge einordnen kann, die in meinem Kopf irgendwie schon drin sind, aber teilweise nicht so gut strukturiert.

Was ist mit Stefan Niggemeier?
Niggemeier? Eigentlich alles, was er zur Bild-Zeitung zu sagen hat, finde ich gut. Ich hatte aber letztens mit ihm einen kleinen Konflikt. Er fand mein Fler-Interview nicht gut und an der Stelle haben wir offensichtlich unterschiedliche Auffassungen davon, wie Journalismus auch sein kann. Ich verstehe, was sein Ansatz ist, aber meiner Meinung nach ist er in einem umgekehrten Sinne genau das, was er eigentlich nicht so gut findet. Er ist eine moralische Konstante gegenüber der Bild; das kann ich auch nachvollziehen. Aber wenn man das System umdreht und mal aus Kai Diekmanns Sicht oder der vom Springer-Verlag schaut, sind die ja genauso moralisierend und sagen sie haben Recht.

Interessanter Gedanke.

Und ich bin derjenige, der sagt, ich muss nicht immer etwas einordnen. Das heißt, wenn Fler sich in einem Interview daneben benimmt muss ich ihn nicht dafür kritisieren. Er hat in dem Interview gesagt, er würde Jan Böhmermann schlagen. Dann wurde mir vorgeworfen: »Du hättest ihn dafür kritisieren müssen und du hättest sagen müssen, das ist aber nicht in Ordnung!« Warum? Weil der Leser das nicht weiß? Weil der Rechtsanwalt von Böhmermann das nicht weiß? Weil Fler das nicht weiß? Weil der Rechtsanwalt von Fler das nicht weiß? Warum muss ich das jetzt alles ordnen?

Falk_Schacht_01Als Journalist, in dem Moment wo du dich mit jemandem triffst, um über ihn zu erzählen, bist du nicht dafür da, ihn moralisch zurechtzubiegen. Erst einmal willst du ein Porträt von diesem Menschen abbilden.
Genau. Darum geht es mir. Das Urteil soll bitte der Leser fällen. Wieso bin ich in die Lage gezwungen, jetzt auch noch meinen Senf dazuzugeben? Ich muss das nicht machen, ich kann das machen. Ich hab eine private Meinung, aber ich will das nicht immer kundtun. Wenn, dann mach ich das in einer Kolumne oder in einer Glosse – dafür gibt es diese journalistischen Formate. Das war ein Interview und da geht es mir erstmal um den den Interviewten. Häufig geht es mir auch gegen den Strich – und das ist dann wiederum eine sehr persönliche Sache – wenn ich Interviews mit sehr moralisierenden Interviewern lese. Ich möchte die interviewte Person unverfälscht erleben und mir meine eigene Meinung dazu bilden. Da gibt’s also unterschiedliche Sichtweisen dazu: Niggemeier, alles zur Bild-Zeitung ja, aber wir sind uns nicht an allen Stellen einig.
Eine provokative Frage: Wenn man sich Rap in Deutschland heute anguckt, ist die Dominanz von Rappern mit Migrationshintergrund einfach da – das kann man nicht von der Hand weisen. Deswegen die Frage: Wie deutsch ist Deutsch-Rap noch?
Für mich sind das auch Deutsche. Deswegen stellt sich für mich die Frage nicht. Haftbefehl, ich hab keine Ahnung, ob der einen deutschen Ausweis hat, das interessiert mich auch nicht, er lebt in diesem Land, er spricht unsere Sprache, wenn auch nicht im Sinne eines Goethe, Schiller oder des aktuellen Duden. Aber er wird den Duden der Zukunft mitprägen. So wie die Dusche, die du benutzt, das ist kein deutsches Wort. Das ist eigentlich französisch. Genau so werden Babo und irgendwelche Begrifflichkeiten, die eben über Rap in die deutsche Sprache und von deutschen Jugendlichen (damit meine ich auch deutsche Jugendliche mit Migrationshintergrund) benutzt werden, in die deutsche Sprache eingefügt. Das finde ich gut und für mich ist Deutsch-Rap deutsch, ohne Problem. Da müssen jetzt nicht nur Biokartoffeln vorne stehen, das ist für mich nicht zwingend mit deutsch gleichzusetzen. Deren Lebensrealität ist ja hier. Die sind mit derselben Politik konfrontiert, mit denselben Gesetzen und den selben Problemen und deswegen sind das dann deutsche Probleme, für alle Deutsche.

Falk_Schacht_02Wo wir bei dem Feld Sprache sind. Als du das erste Mal Celo & Abdi gehört hast, wie viel musstest du da nachschlagen? Oder hast du direkt alles verstanden?
Das ist das, was ich an Rap-Musik schon immer schön gefunden habe. Das ist mit den englischen Texten seit 30 Jahren auch nicht anders: Ich bin mit Begrifflichkeiten konfrontiert, die mir erst einmal nichts sagen. Das find ich spannend, weil nichts ist für mich langweiliger als ein Rap, wo ich von vorne bis hinten alles sofort verstehe und einfach alles klar ist. Das kann auch gute Musik sein, gar keine Frage. Aber ich finde es immer spannend, wenn ich etwas 20 Jahre später erst richtig verstehe. Das ist wie ein Schatz, den ich nach und nach ausheben darf. Noch so ein Ding, was ich super faszinierend an Rap finde: Er ist ein Kanal oder Multiplikator von so vielen Sachen. »Digger« zum Beispiel, ist eigentlich ein uralter Begriff, der seit was weiß ich wie vielen Jahrzehnten in Hamburg benutzt wird. Die Rapper haben’s dann halt aufgenommen und sozusagen in den Mainstream und nach ganz Deutschland rausgetragen. Dann wurde man auch in München mit »Ey Digger« angequatscht. Dasselbe passiert jetzt mit »Brudi« oder »Bruder«.
Apropos Brudi: »Frankfurt Brudi« – Im Rap gibt es einen ausgeprägten Lokalpatriotismus, der auf deutsche Städte bezogen ist. Haftbefehl könnte auch »Istanbul Brudi« rappen. Ist es für dich ein Zeichen für gelungene Integration, dass Rapper sich mit deutschen Städten identifizieren?
Ja und nein und ja und noch einmal glaub ich nein (lacht). Also ich glaube, dass das im Wesen des Menschen liegt, sich auf den Ort zu beziehen, aus dem er kommt. Nenn es von mir aus so ein animalisches Territorialabgestecke. Nach dem Motto: Das ist mein Jagdgebiet, da lebe ich, da bin ich stolz drauf. Wobei das und da fängt es natürlich an anstrengend zu werden – der kann ja nichts dafür, dass er da wohnt. Der ist da hineingeboren und selbst wenn er was dafür könnte, also dass er beispielsweise hingezogen ist, so ist er dann nur stolz darauf, dass er da wohnt. Das hat für mich dann schon eine lächerliche Komponente und eben viel mit diesem Animalischen zu tun. Das hat auch was Kriegerisches: Das ist mein Viertel, meine Stadt, wenn du kommst und du machst was hier, gibt’s Ärger. Deswegen hab ich da ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu. Ich merke aber in mir selber auch, ich bin Hannoveraner. Ich leb da jetzt seit 16 Jahren nicht mehr, aber ich werde das irgendwie immer sein und werde mich auch immer darauf beziehen und wenn es irgendwas über Hannover zu lesen gibt oder so, dann les’ ich das auch. Das ist in mir drin. Gleichzeitig habe ich aber auch dieses kritische Verhältnis dazu. Es ist egal, wo ich herkomme, wo ich geboren wurde; es sollte nicht dazu führen, dass wir Mauern zwischen uns aufbauen. Das tun Menschen ganz häufig, indem sie es so extrem überbetonen.

Word!

Zur Frage der Integration: Dass die Menschen sich also quasi dazu bekennen, wo sie wohnen, dafür hat keiner was gemacht. Weder die Gesellschaft noch die Politik hat etwas dafür getan, dass die sich hier gut fühlen. Wenn du dir die Historie anguckst, dann sind die Deutschen mit Migrationshintergrund in die Viertel gezogen, in denen die Deutschen nicht mehr wohnen wollten und es kaputt, billig und dreckig war. Zu dem Zeitpunkt konnten sie es sich nämlich nur da leisten. Deswegen, wenn Rapper das dann stolz repräsentieren, ist das keine Integrationsleistung des deutschen Staats oder der deutschen Gesellschaft, sondern da schwingt sogar etwas Trauriges mit. Dass die Rapper ihre Hood trotzdem stolz repräsentieren ist vielleicht auch eine Trotzreaktion so im Sinne von: »Ich lass mich nicht von euch unterkriegen.« Sehr komplexes Thema, dass man aus vielen Blickwinkel beleuchten kann: Deswegen ein ja, nein, ja und nein von mir.
Nochmal zum Thema Integration: Stichwort Bushido und der Integrations-Bambi. Ok, altes Thema, aber was tut Hip Hop für Integration? Hat Hip Hop (vielleicht im Gegensatz zu Bushido) einen Integrations-Bambi verdient?
Auf jeden Fall ja, anders. Den Integrations-Bambi kann sich der Bauer-Verlag gerne quer reinschieben, das braucht Rap wirklich nicht. Was ist Rap? Rap ist eine Technik, ein Kommunikationskanal, eine Kulturtechnik, die angewendet wird von Menschen. Wen willst du da jetzt exemplarisch rauspicken um Rap auszuzeichnen? Aber ich bin fest davon überzeugt, dass Rap und Hip Hop als Kultur mit eines der wichtigsten integrationsfördernden Mittel sind, die es in Deutschland gibt. Ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat, aber wenn eine Gruppe kulturell nicht repräsentiert wird, dann existiert sie auch nicht in einer Gesellschaft. So als wäre sie nicht da. Während es vor 20 Jahren keine Stars gab, die türkische, arabische oder sonst welche Hintergründe haben, gibt es das jetzt. Und es gibt jetzt Biokartoffeln, die Fans sind von Haftbefehl, eben diesen Rappern mit Migrationshintergrund. Das ist jetzt Normalität: Ein völlig neuer Zustand, der zeigt: »Ey wir sind da, wir sind ein Teil der Gesellschaft. Wir erzählen unsere Geschichten. Die gefallen jetzt vielleicht nicht euren Eltern, aber die gefallen euch, ihr lernt unser Leben kennen.« Neben der Musik können wir darüber reden und diskutieren. Gangsta-Rap ist inhaltlich nicht zwingend Ausdruck von Humanismus. Das ist meist kein toller Inhalt – da tun sich Abgründe auf. Wir können gemeinsam über die Abgründe diskutieren, was die Gründe der Abgründe sind, was in dieser Gesellschaft nicht richtig läuft. Das Thema Integration und wie man hier miteinander umgeht, wird ja erst angesprochen, wenn so ein Sarrazin aus dem Loch klettert. Oder es müssen erst wieder Heime brennen. Rap ist für mich ein Gesprächskatalysator. Die Flüchtlingsdebatte, die gerade stattfindet, die wird auch vom Rap wieder aufgegriffen. Ich bemerke auf jeden Fall eine Repolitisierung des Raps. Für mich ist Gangsta-Rap auch schon hochpolitisch. Nur eben nicht indem jemand kommt und sagt: »Angela Merkel, du machst dieses falsch und Gerhard Schröder hat uns an Maschmeyer verkauft und wir kriegen eh alle keine Rente.« Aber es zeigt gesellschaftliche Abgründe auf und lässt uns darüber reden: Rap ist ein gesprächsauslösendes Element!
Schön gesagt. Nach dem Thema Migration/Integration und Rap jetzt mal was ganz anderes: Frauen und Rap. Ein Thema, welches mich auch persönlich sehr beschäftigt. In einem Interview mit Dieter Hildebrandt dem Kabarettisten, welches ich kürzlich gelesen habe, wurde er gefragt…
Wieso so wenig Frauen rappen? (lacht)

Ne, schade eigentlich (grinst). Er wurde gefragt, wieso es so wenige Frauen im Kabarett gibt. Seine Antwort war: »Über Mama lacht man nicht.« Kann man das aufs Rap-Business übertragen? Gibt es so wenige female rapper weil, mal provokant gesagt, Frauen nicht andere Mütter ficken können?
Ich überlege gerade, ob diese Mutter-These griffig ist – da bin ich mir gerade nicht hundert Prozent sicher… Für Frauen ist es, glaube ich, viel schwieriger, erst einmal diese Angst, abgelehnt zu werden, zu überwinden und es dann auch knallhart durchzuziehen. Das ist im Rap ein Nachteil, weil Männer sich dort die ganze Zeit testen. Die testen dann eben auch Frauen. Wenn sich Frauen darauf einlassen, und das ist genau der Punkt, dann haben sie ewigen Hustle. Man kann es natürlich auch so machen – Savas hat es mal die Mauer genannt. Schwesta Ewa macht die Mauer und dann kriegst du auch mal eine Faust auf deine Schnauze und überlegst es dir danach zweimal. Aber dass man kein Bock auf ewigen Stress hat, kann ich absolut nachvollziehen. Das ist mein Eindruck, warum Frauen sich von vielen Dingen, nicht nur Rap, abhalten lassen.
Frauen werden auch wahnsinnig stark auf ihr Aussehen und die Sexualität reduziert. Schau mal was unter den Youtube-Videos von weiblichen Rapperinnen steht. Und ich könnte mir vorstellen das man sich davon abschrecken lässt. Dass man den Eindruck bekommt, es sei aussichtslos, dass sowas irgendwann mal aufhört.

Falk_Schacht_03Finale Frage: Gangsta- oder Straßenrap? Welche Bezeichnung ziehst du vor und warum?
Ich benutze es tatsächlich auch unterschiedlich. Wenn jemand wirklich straight up Gangsta-Shit rappt also: »Ich ticke das Koks hier usw.«, dann ist das für mich Gangsta-Rap. Wenn jemand darüber rappt, dass jemand anders tickt, meinetwegen Schmiere steht oder vielleicht aber auch Kunde des Gangstas ist – dann ist das für mich Straßenrap. Es findet auf der Straße statt und hat eine gewisse Härte, aber es ist ein bisschen schwammig. Ich glaube am Ende hat jeder eine eigene Definition davon was für ihn Straßen- oder Gangsta-Rap ist, das ist jetzt meine. Früher haben wir das Hardcore-Rap genannt. Der Begriff taucht heute eigentlich gar nicht mehr auf. Es gab Pop-Rap, das waren zum Beispiel Fanta4 und das heutige Äquivalent dazu Rapper wie Cro. Das, was man früher Hardcore-Rap genannt hat, würde man heute Battle Rap nennen. Es ging einfach nur darum, harte Sachen zu sagen. Die haben schon ein Straßenleben geführt, aber weniger ein Gangsta-Leben. Da waren viele Maler drunter, die dann ins Yard sind um zu sprühen – das ist für den Staat und den Normalbürger auch schon eine Gangsta-Tätigkeit (lacht). Dieser Gangsta-Begriff ist natürlich auch durch Hollywood und Mafia geprägt. Kollegah, der über das Leben als Zuhälter rappt, macht Gangsta-Rap. Haftbefehl, der übers Ticken rappt – auch Gangsta-Rap. Schwesta Ewa geht ja einer halblegalen Tätigkeit nach. Sie ist eigentlich eher Straßenrapperin. Strichrap vielleicht. Joke.
Strichrap – nice one. Jetzt haben wir einen weiten Bogen von Journalismus bis zu female rap geschlagen. Ich könnte ewig mit dir weiterquatschen, aber irgendwann ist leider Schluss. Vielen, vielen Dank für das wirklich interessante Gespräch mit dir!
Fotos: –

Esther Ecke
Content Curator
Getreu ihrem Motto „Being interested is a talent“ schreibt Esther über alle Themen, die ihr über den Weglaufen und ihr Interesse wecken. Zwei ihrer großen Leidenschaften sind die Musik (insbesondere Rap) und Marokko, wo sie einige Zeit gelebt hat.

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