• fastenbrechen-in-peking-titelbild

Ein Fastenbrechen in Peking

By Guest – Travel

»Nǐmen hǎo!«  – Hallo!


Es ist Sommer 2013 und mal wieder Zeit, die türkische Verwandtschaft zu besuchen. Diese Mal geht die Reise nach Peking. Ich mache meine ersten Schritte aus dem Flughafen ins Freie und werde von der Hitze der »nördlichen Hauptstadt« förmlich erschlagen. Die Luft ist feucht und stickig. Das Atmen fällt schwer. Der dichte Smog schmeckt bitter und verdeckt die Skyline. Die Pekinger*innen sind ausgerüstet mit Sonnenschirmen und Atemschutzmasken. Es herrschen alles andere als ideale klimatische Bedingungen für den Fastenmonat Ramadan, in dem wir uns befinden. »Méi bànf
ǎ« denke ich mir. Durch meine Reise in das Reich der Mitte geht ein langersehnter Kindheitstraum in Erfüllung, in welchem ich die Verbotene Stadt betrete, die chinesische Mauer bezwinge und den Smog der Großstadt inhaliere (habt ihr euch nie gefragt, wie Smog schmeckt und riecht?). In meiner abendländlich geprägten Vorstellung erscheint mir die chinesische Kultur sehr fremd, sehr exotisch. Niemals hätte ich gedacht, dass ich am »Ende der Welt« ein Stück meiner eigenen, persönlichen Identität wiederfinden würde.

»Hěn duō rén.« – Sehr viele Menschen.

Im Reich der Mitte leben mehr als 20 Millionen Chines*innen muslimischen Glaubens, in Peking gibt es schätzungsweise 250.000 Muslim*innen. Die »Huízú« sind die größte Minderheit Chinas und machen zeitgleich auch die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung der Volksrepublik aus. Ethnisch und sprachlich sind sie den Han-Chines*innen sehr ähnlich. Sie unterscheiden sich lediglich in der Ausübung des Islam, dessen Ausweitung in China bis ins 7. Jahrhundert zurückreicht. Dicht gefolgt sind die Huízú von den Uigur*innen, einer turksprachigen Ethnie, die sich vermehrt im autonomen Gebiet Xinjiang im Nordwesten Chinas konzentriert hat. Die Muslim*innen Chinas sind berühmt für ihre kulinarischen Spezialitäten. Eine Art Fusion aus chinesischer und ost-anatolischer Küche: würzig, vielfältig, lecker. Halal. Vor allem die Uigur*innen sind bekannt für ihre Fleischspeisen, aber auch Vegetarier*innen wie ich kommen auf ihre Kosten. An einem heißen Fastentag in Peking treffe ich das erste Mal auf chinesische Muslim*innen.

»Wǒ è le!« – Ich habe Hunger!

fastenbrechen-in-peking-7

Für mein erstes Fastenbrechen in Peking werde ich in ein Xinjiang-Restaurant an der dichtbefahrenen Hauptstraße eines Wohnviertels entführt. Die Straße ist laut, voller Menschen und Maschinen. Mich umgeben Geräusche, die ich nicht zuordnen kann. Ich höre viele Stimmen, aber verstehe ihre Worte nicht. Automatisch wandern meine Augen auf den mir vertrauten goldenen, arabischen Schriftzug über der Eingangstür des Lokals: »Bismillahirrahmanirrahim«. Ich fühle mich willkommen. Mit ihren beiden Minaretten gleicht die Kulisse der Empfangstheke einer klassischen, türkischen Moschee. Eine Kellnerin, die sich ihr buntes Kopftuch hinter die Ohren gebunden hat, eilt herbei und bittet uns herein. Ihr Gesicht strahlt etwas ganz Besonderes aus. Ihre Wangen sind rosa, ihr Lächeln ist schüchtern. Die Wände des Innenraums sind geschmückt mit Fotografien der Kaaba, fast so wie im Wohnzimmer meiner Großeltern im Nordwesten der Türkei. Es ist ein sehr origineller und gleichzeitig sehr vertrauter Anblick. Am Fenster sitzen drei Männer, die bereits an ihrem dritten Feierabendbier nippen. Sie lachen laut und rauchen viel. »Fúwùyuán‘r« ruft einer von ihnen, und zeigt auf seine leere Flasche. Innerhalb weniger Sekunden bringt ihm der junge Kellner mit langem Gewand und Takke auf dem Kopf ein kühles Tsingtao. Das Lachen geht weiter.

»Wǒ shì Mùsīlín.« – Ich bin Muslim*in.

Der Zigarettengeruch erreicht meine Nase. Es dauert nicht lang bis das Aroma uigurischer Speisen allmählich den Raum füllt und den Qualm ablöst. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Mein Magen knurrt laut. Am liebsten würde ich alles aus der bilderbuchähnlichen Speisekarte bestellen. Wir hören auf unser fastendes Bauchgefühl und bestellen einen pikanten Gurkensalat und frisches Gemüse gebraten in einem Mini-Wok und dazu den obligatorischen Reis. Am meisten freue ich mich auf die himmlisch gewürzten, gebratenen Fladenbrotstücke, die wir in selbstgemachten, uigurischen Joghurt tunken werden – ein Geheimtipp meiner Cousine. Die Kellnerin mit dem bunten Kopftuch und dem schüchternen Lächeln bringt unser Essen. Von nun an trennen mich nur wenige Minuten von meinem kulinarischen Glück. Sie schaut uns neugierig zu: Hungrige »Lǎowài«, die mit gierigen Augen die Speisen auf ihrem Tisch anstarren, sie aber nicht berühren. »Look, but don’t touch«, eben. Mit mäßiger Geduld zähle ich die zum »Iftar« verbleibenden Sekunden zurück. Erst als wir unsere Hände zu einem kurzen Bittgebet erheben und mit einem Schluck heißen Wasser gemeinsam mit den Kellner*innen unser Fasten brechen, fällt der Groschen. Die Freude ist unserer Kellnerin im bunten Kopftuch ins Gesicht geschrieben. Ihr Lächeln wird wärmer und herzlicher, ihre Augen funkeln. Ich lächele zurück, wir verstehen uns.

 


Wortwörtlich bedeutet »méi bànfǎ«, dass es keinen (anderen) Ausweg gibt. Es ist ein Mantra, eine Lebensphilosophie. Das persönliche Schicksal wird hingenommen, denn ein Aufruhr wäre irrational. Das türkische Pendent dazu wäre wohl am ehesten ein »eyvallah«.

Text: Hande Gencer

fastenbrechen-in-peking-6

fastenbrechen-in-peking-5

fastenbrechen-in-peking-4

fastenbrechen-in-peking-2

fastenbrechen-in-peking-1

fastenbrechen-in-peking-9

fastenbrechen-in-peking-8

KuKü - Kunst & Kültür
Guest
Wenn du dich von KuKü angesprochen fühlst, deinen Beitrag leisten möchtest in Form von Texten, Fotos oder Filmen, melde dich gerne unter: mitmachen@kukue.tv