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Die vergessenen Rohingya in Myanmar

By Murtaza Sayan – Stimmen, Stories

Wenn von Flucht und deren Ursachen gesprochen wird, liegt der Fokus häufig auf Nordafrika, Syrien, Irak oder Afghanistan. Auf der Suche nach Schutz und Sicherheit, sind derweil 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht. Noch nie zuvor zählte die UN so viele Menschen die vor Krieg, Unterdrückung und Verfolgung flohen. Doch vergessen werden oft Schicksale von Menschen, mit denen Europa und der Westen im Allgemeinen wenig Berührungspunkte hat – wie beispielsweise die muslimische Minderheit der Rohingya in Myanmar.

Myanmar – von einer Militärdiktatur zur Demokratie?

Myanmar ist ein mehrheitlich buddhistisch geprägtes Land: Mit über 87 % bildet der Buddhismus die mehrheitliche Religionsgemeinschaft. Die knapp 5 % christlichen, 3% muslimischen und die restlichen 5% Religionsanhänger bilden dort die Minderheit. Mit seinen knapp über 50 Millionen Einwohnern, stand der Staat in Südostasien ca. 50 Jahre unter einer Militärherrschaft. Im November 2015 gewann Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und die Partei, die Nationale Liga der Demokratie, die Wahlen, welche das Ende einer schlimmen Militärdiktatur bedeuten sollte. Myanmar erweckte durch diese politische Wende den positiven Eindruck einer demokratischen Gesellschaft. Besonders in Europa versinnbildlichte die Stärkung einer Friedensnobelreisträgerin die Hoffnung auf einen positiven gesellschaftlichen Wandel. Aung San galt als Frau, die nach ihrer Wahl zur Staatsberaterin des Präsidenten, Animositäten der Religionsgemeinschaften und die Macht des Militärs schwächen und das Land in eine positivere Zukunft lenken würde.

Doch die erheblich schlechte Situation der muslimischen Minderheit, der Rohingya, zeigt, wie dramatisch die Situation tatsächlich ist. Die Rohingya gilt als muslimische Volksgruppe in Myanmar und wird als eine der meistverfolgten Minderheiten der Welt gezählt. Obwohl es ca. 1 Millionen Rohingya in Myanmar gibt, zählen sie, nach dem Staatsbürgerschaftsgesetz von 1982, nicht zu einer der 135 einheimischen Bevölkerungsgruppen. Somit hat die Rohingya in Myanmar keinen Anspruch auf die Staatsbürgerschaft und ist daher staatenlos. Die Folge davon ist unter anderem, dass juristische Mittel den Rohingya verweigert werden, keine Arbeitserlaubnis erteilt wird, ihnen der Zugang für das Gesundheits- und Bildungssystem kaum gegeben wird und die freie Bewegung innerhalb ihrer Wohnorte nicht gestattet ist.

Die OHCHR (Office of the High Commissioner for Human Rights) veröffentlichte im Oktober 2016 eine ausführliche Dokumentation darüber, unter welchen Bedingungen die Minderheit zu kämpfen hat und wie das Militär gezielt gegen Zivilisten vorgeht[1]. Von ethnischer Säuberung, Verfolgung, gezielter Tötung von Zivilisten, Verbrechen gegen die Menschlichkeit bis hin zu Kriegsverbrechen ist laut Seid Raad al-Hussein, dem UN-Kommissar für Menschenrechte, die Rede. Die Kritik Seids bezieht sich nicht nur auf die Taten des Militärs, sondern auch auf das unverantwortliche Handeln der Friedensnobelpreisträgerin Aung San und ihrer Regierung, die diese Menschenrechtsverletzung mit zu verantworten hat.

UNHCR spricht von „ethnischer Säuberung“

Schon seit Jahren ist die Minderheit der Rohingya miserablen Umständen ausgesetzt. Eine Studie der „Harvard Medical School“ in Boston zeigt auf, dass sie massiv unter Hunger, Infekten und Hygienemängeln leiden[2]. In einem Bericht der UNHCR aus dem Jahre 2016 heißt es, dass seit 2012 über 160.000 Rohingya auf der Flucht vor Gewalt und Verfolgung sind.[3] Das Militär gehe mit einer „äußerst harten und systematischen Gewaltkampagne“ gegen die Rohingya vor, so die Menschenrechtsorganisation Amnesty International.

Die Lage in Burma scheint nun auch die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Grund dafür ist die erneute Eskalation am Freitag den 28.08.2017, als es wieder zu Konflikten mit dem Militär und der Rohingya kam. Fast 100 Menschen wurden getötet. Insgesamt haben die Angriffe der jüngeren Vergangenheit über 18.000 Rohingya in die Flucht getrieben.

Zweifel an Aung San Suu Kyi

Nun gerät die Nobelpreisträgerin Aung San immer mehr in die Kritik. Mehrere Jahre wurde sie selbst während der Militärdiktatur unter Hausarrest gehalten und des Öfteren festgenommen. 1991 wurde sie „für ihren gewaltlosen Kampf für Demokratie und Menschenrechte“ mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet . Mit den gewonnen Wahlen 2015 wollte Sie für Menschenrechte und Freiheit einstehen, die Armut beenden und Frieden gewährleisten.

Die Verfolgung und Vertreibung wird jedoch seitens Aung San kleingeredet. Grund dafür ist, dass zum einen das Militär weiterhin viele Teile seiner Macht bewahrt hat. Eine Konfrontation möchte sie daher nicht riskieren. Zum anderen möchte Aung San ihre Beliebtheit bei ihren buddhistischen Anhängern nicht verlieren und zeigt dadurch, dass das Machtkalkül über den Menschenrechten steht.

„Islamistischer Terror“ als Vorwand

Die neuesten Auseinandersetzungen wurden mit der Argumentation der islamistischen Terrorbekämpfung verteidigt. Über die massiven Übergriffe Ende 2016 wurde jedoch nichts geäußert. „Burmas Problem ist nicht eine bewaffnete islamistische Bewegung, die vermeintlich für ein Kalifat kämpft, wie die Militärs behaupten. Problematisch ist vielmehr eine Regierung, die sich nicht gegen die Armee durchsetzen kann und die die Rohingya nicht als gleichberechtigte Staatsbürger anerkennt“, sagte der Direktor der GfbV (Gesellschaft für bedrohte Völker), Ulrich Delius. „Die jüngste Gewalteskalation ist hausgemacht und kann innerhalb kürzester Zeit beendet werden, wenn Burmas Regierung sich endlich glaubwürdig um eine politische Lösung des Konflikts bemühen würde“, so Delius weiter.[4] Für die Entstehung der Aufstände sind die Regierung Myanmars und das Militär entscheidend verantwortlich. Dies sei eine Reaktion auf die massive Gewalt der Armee gegen die Zivilbevölkerung.

Die Rohingya sind Spielbälle in einem Machtkampf zwischen dem Militär und der Staatsrätin Aung San geworden. Leidtragende sind die unschuldigen Zivilisten, die aufgrund ihrer Ethnie seit Jahren verfolgt und vertrieben werden. Mehrere Tausende sind dieser ethischen Säuberung zum Opfer gefallen, wurden heimatlos und sind Vergewaltigungen und Folter ausgesetzt. Die Berichte der UNHCR sind alarmierend, doch noch immer scheint Schweigen über diesen Völkermord zu herrschen.

[1] http://www.ohchr.org/Documents/Countries/MM/FlashReport3Feb2017.pdf

[2] http://www.spiegel.de/politik/ausland/burma-der-vergessene-voelkermord-an-den-rohingya-a-1126742.html

[3] https://unhcr.atavist.com/mm2016

[4] https://www.gfbv.de/de/news/weltsicherheitsrat-beraet-ueber-rohingya-konflikt-in-burma-myanmar-8717/

Murtaza Sayan
Murtaza Sayan - auch Murti - studiert irgendetwas mit Wirtschaft, reist gerne, liest gerne und schreibt gerne.