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Die Macht der Moschee – Scheitert die Integration am Islam?

By KuKü – Redaktion – Stories

Eine Buchrezension von Musa Bağrac.

Es ist nicht einfach, über die Rolle der Moscheen bei der Integration zu diskutieren, während sie brennen und viele darüber hinwegschauen. So wurde ich auch von widersprüchlichen Gefühlen begleitet, als ich das Buch „Macht der Moschee“ von Joachim Wagner in den Händen hielt. Sollte erneut alter Wein in neuen Schläuchen fließen und der Ruf nach kultureller Selbstaufgabe lauter werden? Ich zwang mich trotz innerer Widerstände über meinen Schatten zu springen. Allmählich bauten sich auch viele meiner Befürchtungen ab. Ich fing an, das Gelesene als Spiegel anzusehen, der den Muslimen den Balken vor dem eigenen Auge zeigte. Doch dies entschuldigt nicht den beschuldigenden Grundton des Buches und zwar wenn es heißt, die Verantwortung für die gescheiterte Integration liege in erster Linie bei den Muslimen selbst. Als Lösung fordert Wagner ihre bedingungslose kulturelle Assimilation (S. 41).

Kampf der Kulturen

Dieser „Kampf-der-Kulturen“-Grundton durchzieht die ersten 90 Seiten. Vor lauter Studien zu Re-Islamisierung (S. 24), muslimischen Parallelgesellschaften (S. 21), Einfluss der Herkunftsländer (S. 26), Erdogan, Gülen und Kurden (S. 31) sieht man die vielen Erfolgsgeschichten nicht mehr. Muslime seien selbst für ihre Misere verantwortlich, wie sonst lasse sich erklären, dass türkischstämmige Muslime hier bei uns in Demokratie und Freiheit leben und mehrheitlich trotzdem für eine „Präsidialdiktatur“ in der Türkei stimmen (S. 40) oder weiterhin nicht richtig Deutsch sprechen (S. 46) und keine deutschen Freunde haben (S. 50)? Wohin sie gehören, wissen viele Muslime selbst nicht, gespaltene Identität sei die Folge (S. 55). Muslimische Verbände würden diese Spaltung sogar noch verstärken und sie von der Mehrheitsgesellschaft entfernen (S. 57). Das sei auch der Grund, weshalb bei über 50% der türkischstämmigen Muslimen die Integration fehlgeschlagen sei (S. 65). Als weiteres Integrationshindernis prangert der Autor den autoritär-religiösen Erziehungsstil an, der die moralische Überlegenheit der Muslime propagiere (S. 82), Menschen in Gläubige und Ungläubige einteile (S. 84) und ein überkommenes Ehrgefühl vermittele (S. 87), das Gewaltbereitschaft berge (S. 89).

Integrationsagentur: Schule

Als wichtigsten Ort und Motor der Integration sieht Wagner die Schule. Denn sie diene als Spiegelbild der Gesellschaft: multikulturelle Klassen, homogene Lehrerzimmer. Trotzdem lassen sich Lehrer in ein optimistisches Lager der Idealisten und in ein pessimistisches der Frustrierten einteilen (S. 102). Viele Lehrkräfte, Schulleiter und Bildungsexperten kommen zu Wort. Trotz der lästigen Hinweise auf unzählige Studien gewinnt man ab diesem Kapitel einen genaueren Einblick in schulische Situationen. Heiße Eisen hinsichtlich muslimischer Schüler werden angepackt: Segregation (S. 105), Salafismus (S. 109), Evolution (S. 118), Antisemitismus (S. 127), Gebetsraum (S. 133), Schwimmunterricht (S. 135), Klassenfahrt (S. 137), Fasten (S. 138), Schleier (S. 183) usw. Für diese Schieflagen seien in erster Linie muslimische Eltern verantwortlich (S. 142), für die ohnehin Religion wichtiger sei als Demokratie und Rechtsstaatlichkeit (S. 162). Aber auch die falsch verstandene Toleranz gegenüber Muslimen hätte ihr Übriges getan (S. 193). Unter diesen ungünstigen Bedingungen sei die Schule zum Scheitern verurteilt (S. 154).

Integrationshindernis: Moschee

Als größtes Integrationshindernis konstatiert Wagner die konservativen islamischen Verbände (S. 198), allen voran die DITIB. Denn sie beanspruche eine unbegründete Meinungsführerschaft für sich (S. 206) und als Erfüllungsgehilfen Erdogans (S. 201) habe DITIB bisher weite Teile der türkischen Muslime von der deutschen Mehrheitsgesellschaft entfernt (S. 252). In einigen DITIB-Moscheen dominiere inzwischen sogar das Trennende (S. 213), wenn etwa Werte wie Autoritätsgläubigkeit, Gehorsam und Patriotismus (S. 215) gepredigt würden und die Grenzen zwischen Nationalismus, Islamismus und Neo-Osmanismus verschwimmen (S. 204). Integrationsfeindliches Verhalten hiesiger Vereinsfunktionäre sei als Folge des in der Türkei tobenden Erdogan zu verstehen (S. 202), der türkische Community in Deutschland als eine türkische Kolonie ansehe (S. 255).

Ergebnis: Enttäuschung

Alles in allem sei die Integration von Muslimen eine reine Enttäuschung (S. 221). Von Kindergärten (S. 222) über Schulen (223) bis hin zum Arbeitsmarkt (S. 229). Schuld daran seien – nicht anders zu erwarten – muslimische Schüler, die sich einfach nicht in unsere Bildungskultur integrieren wollten (S. 247) und so sei es Wagner zufolge auch nicht weiter verwunderlich, dass das Leistungsniveau deutscher Schulen bei internationalen Vergleichsstudien (S. 241) niedrig ausfiele.

Abschlussbewertung

Persönlich finde ich, dass die Ansichten vieler Lehrkräfte und Schulleiter unbedingt Gehör finden sollten. Vor allem Muslime sollten ein offenes Ohr für Kritiken aus dem Bildungssektor haben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass der Autor Joachim Wagner in vieler Hinsicht in die Kulturalisierungsfalle tappt, wenn er sozioökonomisch bedingte Probleme ständig kulturalisiert und damit seine These von einer gescheiterten kulturellen Integration untermauert. Würde er den Umstand, dass hiesige Muslime vornehmlich dem bildungsfernen Arbeitermilieu angehören, berücksichtigen, würde das Gesamtbild eine andere Konnotation erhalten. Denn nicht ihr Muslimsein, sondern der sozioökonomische und milieuspezifische Habitus und die fehlende soziale Mobilität verhindern den sozialen Aufstieg. Schon die erste PISA-Studie bescheinigte dem deutschen Bildungssystem eine direkte Abhängigkeit von Herkunft auf den schulischen Erfolg. Zwar benennt er, wenn auch nur selten (S. 300), dass es mehr Lehrkräfte mit Migrationshintergrund geben sollte, doch verliert sich diese überaus wichtige Nebenbemerkung im Walde der anklagenden Worte. Auch die überaus interessante Gegenüberstellung der Ansichten, was Muslime von der deutschen Mehrheitsgesellschaft erwarten und umgekehrt, bleibt zu kurz geraten. Wenn soziale Probleme kulturalisiert werden, kann es auch schnell passieren, dass man vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, wie etwa die krampfhaft aufgeladene Diskussion über eine Obergrenze für Zuwanderung (S. 307), statt ein vernünftiges Einwanderungsgesetz zu verabschieden. Hingegen wichtig und richtig finde ich den Vorschlag, die Schulen in ihrer Integrationsarbeit (S. 317) zu stärken und eine effektivere und offenere Religionspolitik (S. 320) zu betreiben. Wenn die Beheimatung der Muslime in Deutschland gelingen soll, sollten vor allem die hier genannten Kritiken in muslimischen Gemeinden diskutiert und nach möglichen Lösungen gesucht werden. Denn Moscheen haben die Macht, Muslime hier in Deutschland zu beheimaten oder sie von hier zu entreißen. Joachim Wagner, Die Macht der Moschee. Scheitert die Integration am Islam?, Herder Verlag, S. 352, 2018
KuKü – Redaktion
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