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Die Geschichte vom Liebling in Galata

By Katharina Willinger – Stories

ISTANBUL

Ich bin auf dem Weg nach Hause. Es ist bereits dunkel und ich bin müde vom Tag. Wenige Meter bevor ich in meine Straße einbiege, bemerke ich Licht in einem Laden, der seit Monaten leer steht. Ich schaue durchs Fenster und erkenne einen Holztisch, verschiedenes Werkzeug und Glasvitrinen. Schaut nach einem Atelier aus. Dann sehe ich das Schild, rechts von der Tür. Darauf steht: Der Liebling.

Der Liebling, das klingt nach Kindheit 

Der Liebling? Ein Geschäft mit einem deutschen Namen, direkt in meiner Nachbarschaft. Das ist nicht völlig abwegig (Es gibt in Istanbul auch Unter, Halt, Backhaus oder Autoban, ja ohne h). Liebling, das klingt für mich nach Kindheit, nach meiner Oma, nach meinem alten Kuscheltier.

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Ich öffne die Türe und gehe in den Laden. Dort sitzt eine junge Frau mit braunem, langen Haar an einer Werkbank und hält einen kleinen, silbernen Gegenstand zwischen ihren Fingerspitzen. Ein Schmuckstück, an dem sie gerade herum feilt. Sie blickt auf und begrüßt mich. Ich grüße zurück und erkundige mich, weshalb der Laden den Namen „Der Liebling“ trägt.

Von Amsterdam zurück nach Istanbul

Die Frau erklärt mir auf Türkisch, was das Wort „Liebling“ bedeutet, und lächelt, als sie feststellt, dass ich Deutsch spreche. Ich erzähle ihr, dass ich in der Nachbarschaft wohne und wir kommen ins Gespräch. Banu ist Schmuckdesignerin, sie ist in Istanbul aufgewachsen und hat eine saarländische Mama. Die Deutsch-Affinität ist also geklärt.

Banu erzählt, dass sie lange in Amsterdam gelebt hat. Sie hat dort Fashion Management studiert und später in der Textilbranche gearbeitet – bis sie 2011 das Heimweh packte. „Ich hab meine Eltern und meine Freunde sehr vermisst. Und Istanbul auch. Denn die Stadt ist so anders als andere europäische Städte. Einerseits ein totales Chaos, aber dann wiederum eine Brücke zwischen Asien und Europa. Man hat hier von allem etwas, finde ich.“

Banu und der Goldschmied 

Zurück in der Türkei fing sie schließlich bei einer Textilfirma an, zu arbeiten. Bis ein Besuch auf dem großen Basar quasi ihr Leben veränderte. Eigentlich war sie nur auf der Suche nach einem Goldschmied, der ihr aus einem alten Kristall, den sie irgendwann einmal gefunden hatte, eine Halskette machen sollte.

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„Ich bin da hingegangen, mit diesem Kristallstein in der Hand. Und der Goldschmied hatte keine Ahnung, was ich von ihm wollte. Er fragte mich, ob ich mir das etwa allen Ernstes um den Hals hängen möchte. Es sei doch nur ein Stück Stein. Außerdem hätte er gerade keine Zeit für so etwas. Doch ich solle mich ruhig setzen, dann werde er mir zeigen, wie ich das alleine hinbekomme.“

Banu setzte sich – und blieb.  Rund zwei Jahre lang ging sie beinahe täglich zu ihrem Meister auf den großen Basar, erzählt sie. Schon bald fällte sie die Entscheidung, ihren Job zu kündigen und sich voll und ganz der Welt des Schmucks hinzugeben. Vor vier Jahren gründete sie dann ihr eigenes Schmuck-Label: „Der Liebling“. Erst in Karaköy, nun ist sie mit ihrem Atelier nach Galata umgezogen.

Zum Totlachen: funkelnagelneu

Nicht nur Banus Label trägt einen deutschen Namen. In einige Schmuckstücke hat sie Begriffe aus dem Deutschen, die sich nicht so einfach übersetzen lassen, eingraviert, zum Beispiel „Wanderlust“ oder „Waldeinsamkeit“. Beides Begriffe aus der romantischen Literatur.

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„Meine Mutter benutzt im Deutschen viele Wörter, die man nicht ins Türkische übersetzen kann. Türkisch ist in dieser Hinsicht nicht so vielfältig. Die deutsche Sprache schon. Es gibt da zum Beispiel dieses eine Wort über das ich immer lachen muss, wenn ich es höre: funkelnagelneu.“

„Wenn jeder geht, wer bleibt dann am Ende?“ 

Ich erzähle Banu, dass ich es mutig finde, in unserem Viertel ein Atelier zu eröffnen. Früher war diese Ecke ein richtiger Touristenmagnet, doch mittlerweile ist das anders. „Stimmt, jetzt stehen hier sehr viele Wohnungen und Läden leer. Das mit anzusehen macht mich echt traurig“, sagt Banu. Sie baue daher auf Vertriebswege, die nicht von der wirtschaftlichen Situation der Türkei abhängig sind. Sie hat einen Online-Shop und verkauft ihre Stücke auch in Boutiquen in Amsterdam und Paris.

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Nach Europa zurückgehen könne sie sich gerade aber nicht vorstellen: „Meine Freunde dort rufen mich nach jedem Anschlag an und sagen, ich solle zurückkommen und fragen mich, was ich denn noch in der Türkei mache. Aber man kann nicht so einfach seine Heimat hinter sich lassen und davonlaufen. Was passiert dann mit der Familie, den Freunden, mit deinem Leben, das du dir hier aufgebaut hast? Und mal abgesehen davon, geht das Leben hier ja auch irgendwie weiter. Man muss nach vorne blicken. Denn wenn jeder einfach geht, wer bleibt dann am Ende?“

Katharina Willinger