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»Der geflüchtete Mann, den ich kenne…« von Anahita Tasharofi aus Wien

By Ömer Mutlu – Gesellschaft, Stories

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
kocht jeden Abend für die Kinder seines Bruders.

Er nahm sie mit auf seine Flucht und wartet nun darauf,
dass die restliche Familie dem Krieg in Syrien entkommen kann.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
kocht jeden Abend für seine Frau und seine Kinder.
Er putzt auch die Wohnung, da seine Frau schlimme Schmerzen hat.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
begleitet seine Frau immer und überallhin. Denn aufgrund ihrer Depression und ihres Traumas vergisst sie selbst die leichtesten Wege.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
liebt seine Tochter. Er schreibt ihr jeden Abend ein kurzes Gedicht nach Afghanistan. Nur damit sie ihn nicht vergisst oder denkt er hätte sie vergessen.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
hat seine Familie auf der Flucht verloren. Er schläft kaum, um im Falle eines Anrufes den Hörer gleich abheben zu können.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
arbeitet hart. In seiner Heimat studierte er und wurde respektiert. Hier wäscht er Geschirr. Aber er beklagt sich kaum. Er tut alles dafür, damit seine Kinder zur Schule gehen können.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
sorgt sich nicht nur um seine eigene Familie, sondern auch um die vielen unbegleiteten fremden Kinder, die er auf seiner Flucht kennengelernt hat.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
vermisst seine Frau. Er leidet an schlimmen Depressionen und bittet um Hilfe. Er fragt, wann sie endlich zu ihm kommen kann. Sie vertraut ihm nicht mehr und ihre Liebe zerbricht. Doch er bleibt ihr treu und wartet.

Der geflüchtete Mann, den ich kenne,
lächelt mich an. Er gibt mir bei der Begrüßung und beim Abschied die Hand. Der geflüchtete Mann, den ich kenne, respektiert mich.

Mit diesen Männern arbeite ich seit fünf Jahren.


Credits
Text: Anahita Tasharofi
Foto: Daniel Tasharofi

Ömer Mutlu
Founder

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