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»Deine Erde« – der Putschversuch am 15. Juli durch die Perspektive von Ayşe Salman

By Ayşe Salman – Stories

Vor geraumer Zeit schrieb ich “Deine Erde”, Reflexionen über den Tag, an dem ich über Istanbul nach Indonesien fliegen sollte. Der Flug war gebucht für den 15.07.16.
Der Flieger TK 1636 der Turkish Airlines flog ab 20.30 Uhr in München ab. Wieso dieser, trotz der bekannten Umstände, abflog und dann in Istanbul landete, ist mir bis heute noch sehr fragwürdig.

Die nächste Zeit folgen Beiträge über Meinungsfreiheit, den Menschen und das Fremde.

Deine Erde

Ich rufe meinen Bruder an, um Bescheid zu geben, dass ich in Istanbul angekommen bin.
Er sagt: „Hey, hab keine Angst, aber in der Türkei gibt es gerade einen Putsch!“
„Echt in welcher Stadt?“
„Sie haben gerade den Tower am Flughafen besetzt.“
„Okay, macht euch keine Sorgen. Ich bin noch im Flugzeug.“
Das Flugzeug, in dem ich bin, ist vorhin vor diesem Tower gelandet. Um mich herum fliegen Wortfetzen. Die Stimmen werden dumpf und die Gespräche langsamer. Ich scheine nicht die Einzige zu sein, die die Nachricht erreicht hat. Nach einer Weile ist Ruhe. Wir schweigen.

Ich mache mich auf den Weg zur Toilette. Die Stimmen vor der Türe werden leiser. Die Passagiere müssen wohl am Aussteigen sein.
Eine Frau schreit: „Hier ist ein Rucksack!“
Seit 9/11 steht mein Riesenrucksack unter Generalverdacht und ich renne raus.
Entschuldigung, das ist meine Tasche!
Die Hostess schaut erleichtert zu mir rüber.

Draußen ist es tiefschwarz. Ein Blick in die Ferne ist der Sturz in einen bodenlosen Sog der Erinnerungen. Er reißt mich in sich hinein.
Liebe auf den ersten Blick.
Hallo Istanbul. Ich liebe dich. Kann ich noch einmal deine Erde zwischen meinen Fingern spüren, denn hier unter mir liegt nur Asphalt.

Wir sind im Bus und ich nehme meine Kamera raus. Nehme Videos auf von der Dunkelheit und den dumpfen Lichtern in der Ferne, auch von einigen Menschen im Bus. Einmal stoppt der Bus ruckartig. Dann ein zweites Mal.
„Alle aussteigen! Aussteigen! Legt euch alle auf den Boden. So wie der Mann hier.“

Der Mann scheint ein Arbeiter zu sein. Er lacht leicht genervt in sich hinein. Er kann es nicht fassen. Wir können es nicht fassen, schütteln verständnislos den Kopf und gehorchen langsam. Das Licht der Scheinwerfer schießt durch die Dunkelheit.
Ra-ta -ta -ta. Jetzt! Nein. Ra-ta-ta-ta. Jetzt! Nein.
Noch keine Schüsse.
Ihr seid in Sicherheit. Wir haben euch nichts an. Wir tun euch nichts.
Ein paar Soldaten schauen ängstlich in die Dunkelheit.

Wir liegen da. Neben mir eine Frau. Sie hat die Hände ihrer beiden Kinder fest gepackt.
„What is the problem? What is this?“
It’s politics. Think positive. You can talk to your children. Talk to them! The soldiers don’t mind.
„Are the soldiers good?“
They say they are.
„How can I trust them? Can’t even trust my mom.“
Yeah.
Ich schicke ihr ein Lächeln rüber.

Wir dürfen uns hinsetzen.
Das Telefon eines Arbeiters klingelt. Ihm wird befohlen, es auszuschalten.
Einer der Passagiere spricht mit einem Soldaten über den Grund der Festnahme. Eine Frau fängt an zu rauchen. Gerade scheint alles so sinnlos. Das muss wohl Stunde Null sein. Da steht ein Mann auf und fragt, ob er für die Ausländer die Situation auf Englisch vortragen kann.“You know there are some problems…“
Erneut klingelt das Telefon des Arbeiters.
„Verdammt nochmal. Schalte ihn sofort aus! Sofort ausschalten habe ich gesagt.“
Und noch ein weiteres mal klingelt’s. Ein unerwarteter Aufschrei bei den Gefangenen.

„Wieso benimmst du dich so?“, ruft ein Opa zu dem Soldaten.
Seine Frau ist umgekippt und liegt da.
Der Soldat ruft zum Arbeiter rüber:
„Alter, sie könnte genauso meine Mama sein. Wieso tust du sowas?“
(auf Türkisch: Ula bu benim Anamda olabilurdu. Neye böyle yapaysun?)
Turkish Cinema.“Steigt wieder in den Bus!“, ruft ein anderer und wir machen uns auf den Weg in den Bus.

In dem Flughafen laufen viele beängstigte Menschen herum. Reinigungskräfte und Verkäufer gehen ihrer Arbeit nach. Vor etwa einem Monat ist hier eine Bombe hochgegangen. Ein Zug von laut Protestierenden marschiert ein. Ratam tam tam. Eine leicht gekleidete, wasserstoffblonde Frau bedeckt sich sofort den Kopf mit dem Schal. Weit und breit keine Hostessen in Sicht. Freilauf durch den Flughafen. Ich stehe vor einem gigantischen Glasfenster und schaue zu den Flugzeugen. Ein Knall. „Duck dich.“ Ein zweiter Knall.

Er sagt: …. Menschen …. Man muss….
Ein anderer entgegnet: Wäre da nicht … Was soll schon …
Ich erinnere mich nicht mehr was die beiden genau sagten, aber Politik. Ich sitze da.
Er und er reden weiter.
Ich bin abwesend. Nur den schiefen Blick von dem einen merke ich. Wieso redet sie nicht?Die Bahn schaltet ihre Lichter aus, damit wir in der Dunkelheit von den Kampfjets nicht erkannt werden. Wir sitzen in derselben Bahn. In dem Tiefschwarz sieht man den Glanz unserer Augen.

Ayşe Salman
Content Curator
Ayse unterhält sich gerne mit den unterschiedlichsten Menschen, um dann als Regisseurin Geschichten in die Welt hinauszuschicken.

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