• Azade näht

Azades Taschen

By Yalçın Öztürk – Stories

Çeşme

„By buying this bag you are helping families who are refugees trying to make a living in Turkey“ steht auf einem gelben Etikett, das an der Kordel einer blau-roten Tasche baumelt. „This bag will empower financial independence and self-sufficiency and will allow refugee women and men to work in a safe environment.“

Bag project nennt sich das Ganze und ist eines der Projekte der Hilfsorganisation imece, aus dem Ort Çeşme an der türkischen Westküste. Die Idee dahinter: Geflüchteten Frauen die Möglichkeit geben, auf eigenen Beinen zu stehen und sich selbst zu finanzieren, indem sie Taschen nähen, die online verkauft werden. Der Erlös geht zu 80 Prozent an die Frauen und deren Familien. Mit dem Rest kauft imece neue Stoffe und Arbeitsmittel für die Frauen.

 

taschen

 

Eine von ihnen ist Azade aus Afghanistan. Ich habe sie im Dezember 2015 während einer Recherche in Çeşme kennengelernt. Sie war damals im neunten Monat schwanger. Mit ihrem Mann Cavad und dem 4-jährigen Sohn Mohammed wartete sie auf einem ungeschützten Hügel vor der Stadt, im provisorisch aus Planen zusammengebauten Zelt, darauf, dass sich das Wetter besserte – damit sie die gefährliche Überfahrt zur griechischen Insel Chios antreten konnten.

Meine Kollegen und ich redeten auf sie ein und versuchten sie davon zu überzeugen, dass die Reise für sie viel zu gefährlich sei. Aber das Ehepaar war fest entschlossen, Griechenland, und damit Europa, noch vor der Geburt ihres zweiten Kindes zu erreichen. Doch das Wetter wurde nicht besser und die Familie musste weiter auf dem ungeschützten Hügel ausharren.

Dabei kamen sie auch das erste Mal mit den ehrenamtlichen Helfern von imece in Kontakt. Denn die lokale NGO kümmert sich vor allem um Flüchtlinge, die wie Azade und ihre Familie auf sich allein gestellt sind oder in illegalen Camps, versteckt in alten Baracken oder leerstehenden Industrieanlagen, an der türkischen Küste ausharren und darauf warten, übers Meer nach Europa zu kommen. Die NGO versorgt die Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten. Für die Kinder werden mobile Zelt-Schulen aufgebaut, um ihnen Lesen und Schreiben beizubringen.

 

Kind in der Zeltschule

 

Einige Wochen später, nachdem wir Azade und Cavad getroffen hatten, bekamen wir die Nachricht, dass bei Azade die Wehen eingesetzt hätten und sie von imece-Helfern ins Krankenhaus gebracht worden sei. Ihre kleine Tochter kam gesund und munter auf die Welt und bekam den Namen Merve Nur, benannt nach der Ärztin, die sie kostenlos entbunden hatte.

Azade und Cavad entschlossen sich daraufhin, in Cesme zu bleiben. Mit der Hilfe von imece fanden sie eine kleine Wohnung, ließen sich registrieren. Cavad kann nun hin und wieder auf dem Bau arbeiten. Mohammed besucht mittlerweile die Vorschule und spricht schon sehr gut Türkisch. Ihre Entscheidung, in der Türkei zu bleiben und nicht nach Europa zu gehen, hat die Familie bislang nicht bereut, erzählen sie mir, als ich sie wieder treffe. Im Gegenteil, sie seien sehr dankbar für das Hier und Jetzt.

 

Azades Familie

 

Wer eine selbstgenähte Tasche von Azade und ihren Kolleginnen bestellen möchte – hier entlang: https://imeceshop.jimdo.com/shop/

Yalçın Öztürk