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… auch noch da!

By Theresa Wiedemann – Kültür

Verlassen, trostlos, konservativer als je zuvor – glaubt man dem medialen Bild, das von Istanbul derzeit gezeichnet wird, ist am Bosporus nicht mehr viel zu holen. Von Touristen gemieden, Viertel wie das vormals von Europäern und Freigeistern bevölkerte Cihangir leergefegt, die florierende Kunstszene nicht mehr existent. Unzählige Portraits berichten von den Kreativen und Intellektuellen, die ihre Koffer schon gepackt haben oder gerade auf diesen sitzen. Alles hinter sich lassen, kapitulieren, „denen“ das Land überlassen. Vieles davon stimmt, viele Exit-Pläne kursieren derzeit in der Metropole. Aber viele sind noch da. Sie glauben weiter an das Potential der Stadt. Und bleiben.

Zum Beispiel die, die sich an diesem Montagabend im April im ATÖLYE treffen. Ein Space für Ideen, Macher, Co-working auf der europäischen Seite, der genauso gut in Berlin, New York oder anderswo liegen könnte. Zusammengebracht von Yabangee, einem unerschöpflichen Quell an Informationen zum Überleben am Goldenen Horn, sitzen zum „Expat Spotlight“ fünf AusländerInnen auf dem Podium und berichten von ihren Erfahrungen und dem Arbeiten in der Kunstszene Istanbuls.

Da ist die gebürtige Münchnerin Anna Zizlsperger, die aus Mangel an Informationen und Eigennutz vor sechs Jahren anfing, Galerien, Vernissagen und Kunstorte zusammenzutragen. So entstand exhibist, der umfangreichste englischsprachige Anlaufpunkt für kunstinteressierte (Neu-)Istanbuler. Inzwischen werden parallel zum Online-Auftritt auch gedruckte Magazine aufgelegt, die in beide Richtungen funktionieren: Für das Publikum, das in die bunte, junge Kunstszene der Türkei eintauchen will und für die Künstler, die endlich jene qualitativ hochwertigen englischsprachigen Referenzen vorweisen können, die man auf dem internationalen Kunstmarkt braucht.

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Außerdem sitzt dort Merve Cağlar mit türkischem Namen und amerikanischen Wurzeln, die mit ihrer philantrophischen Stiftung SAHA zeitgenössische Kunst fördert, indem sie Institutionen und Projekte finanziert. (Anm.: Auch im Dortmunder Kunstverein hat SAHA schon eine Ausstellung gesponsert – viele Grüße ans KuKü-Team Dortmund!) Für einen Jahresbeitrag erhalten private und kooperative Förderer einerseits das gute Gefühl, sich direkt für die Vielfalt und Freiheit der Kunst zu engagieren und werden andererseits mit exklusiven Veranstaltungen und Reisen belohnt. „Philantrophie ist kein Teil unserer historischen türkischen Kultur“, sagt Merve. Deswegen brauche es Anreize, um die Gelder zu akquirieren.

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Für beide ist Istanbul immer noch eine Kunstmetropole von internationalem Rang. Eine, die noch Ecken und Kanten besitzt, nicht glatt, professionell und routiniert ist, in der sich Ideen umsetzen lassen. Ein Rohdiamant. „In ständigem Wandel, ohne Anfang und Ende“, sagt auch die südafrikanische Künstlerin Diana Page, die hier als „urban landscape painter“ überall Inspiration findet: In der Metro, auf dem Bosporus, in der Soundkulisse der Stadt. Markus Lehto – Kanadier mit finnischer Herkunft – hat im Investmentbanking und bei großen Banken gearbeitet, als es ihn vor 18 Jahren in die Türkei verschlug. Jetzt geht es ihm in seinem Alles-kann-nichts-muss-Projekt JointIdea darum, die Welt durch kreative Ansätze zu einem besseren Ort zu machen, Wirtschaft mit Kunst zu verbinden und Istanbul zu einem interdisziplinären Hub dafür zu entwickeln. Und Omar Berakdar aus Damaskus arbeitet seit 2012 daran, syrische Künstler mit ihren türkischen Kollegen zusammenzubringen und sie im Space arthereistanbul auf der asiatischen Seite der Stadt dabei zu unterstützen, ihre Vermarktung professioneller anzugehen.

Über Politik wird an diesem Abend nicht gesprochen, höchstens gemeinsam nachgedacht, ganz still. Aber diese fünf und viele, viele mehr sind noch da. Und bleiben.

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All images © Filiz Sieben

Theresa Wiedemann
Content Curator
Studierte Kulturmanagerin, lebt in Istanbul. Mag Sprachen, Schreiben und Bosporusfährencay. Problemfeld: Türkische Vokabeln mit "y".