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Aschenputtel vs. Scheherazade – die Rolle der Frau in europäischen und orientalischen Märchen

By Ilayda Kaplan – Kültür, Literatür, Top-Stories

Die meisten von uns in Deutschland aufgewachsenen Personen sind mit den Märchen à la Grimm oder Hans Christian Andersen groß geworden. Fast auswendig kennen wir schon „Rotkäppchen”, die Erzählungen fernab von Europa sind uns jedoch kaum vertraut. Ein kurzer Ausflug in den ‚Nahen Osten‘ mit seinen Erzählungen wie „1001 Nacht” gewähren interessante Eindrücke, die den einen oder anderen überraschen werden, vor allem, wenn der Fokus auf die Rolle des weiblichen Charakters gerichtet ist.

Die Emanzipation in europäischen Märchen und orientalischen Märchen

„Dornröschen“ fällt in einen hundert Jahre andauernden Schlaf, bis der Prinz in das von Dornen überwucherte Schloss gelangt und sie durch einen Kuss erweckt. In “Schneewittchen“ rettet der tapfere Prinz die bereits tote Königstochter und trägt sie aus dem Wald heraus, wobei das Gift aus ihrem Körper tritt und sie wieder ins Leben geholt wird. Die männliche Figur verkörpert den Helden, indem er dem weiblichen Hauptcharakter aus schwierigen Situationen hilft. Die Eigeninitiative der weiblichen Figur bleibt meist aus. „Aschenputtel“ erweist sich zwar als rebellisch, indem sie trotz des Verbots verkleidet auf den Ball des Prinzen geht, jedoch scheinen selbst ihr die Hände gebunden zu sein. Auch sie ist nicht die Heldin der Geschichte und muss darauf hoffen, dass der Prinz sie findet. Es ist wieder der männliche Charakter, der die Frau aus ihrer Gefangenschaft befreit. Auch „Die Gänsemagd” gibt sich ihrem Leid hin, bis der Königssohn zufällig erfährt, dass sie eine Prinzessin ist und sie von ihrem Schicksal erlöst. Selbst das kesse „Rotkäppchen” und ihre Großmutter werden erst durch den mutigen Jäger gerettet, der dem Wolf den Bauch aufschlitzt. Im Gegensatz dazu überzeugt in der orientalischen Märchensammlung beispielsweise „Das kluge Bauernmädchen” Aysche durch ihre Raffinesse und ihren scharfsinnigen wie kreativen Verstand, indem sie die Rätsel des Richters bedacht löst und viel Eindruck erntet. Ihre Intelligenz beeindruckt den Richter, der sich prompt mit ihr vermählen lässt. Mit der Zeit entpuppt sich Aysche als Naturtalent auf seinem Fachgebiet und entfacht den Neid ihres Mannes. Als die Ehe kurz vor dem Aus steht, wickelt sie ihn mit einem Liebesbeweis ihrerseits wieder um den Finger und rettet somit ihre Beziehung. Mit Schlagfertigkeit tritt das „Basilikummädchen“ dem Fürstensohn gegenüber, von dessen Präsenz sie sich nicht einschüchtern lässt. Er fühlt sich in seiner Ehre verletzt, als er ihr die Heirat anbietet und sie von ihm im Gegenzug eine kleine Geste verlangt, welche die Standesunterschiede betont. Sie handelt bedacht, lässt sich nicht zu anderen Sachen verleiten, die gegen ihre Prinzipien verstoßen und kriegt letztendlich das, was sie will – den Prinzen, aber auf ihre Art und Weise.

„Scheherazade” rettet vielen Frauen das Leben

In dem Märchen „Scheherazade” erklärt sich eine junge Frau bereit, den hitzigen Gemütszustand des Sultans zu besänftigen, was ihr mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben kosten könnte. Der Sultan lässt sich nach dem Seitensprung seiner Ehepartnerin vor Verbitterung und Wut jeden Tag mit einer neuen Frau vermählen, um diese dann umzubringen. Aus Empathie und Mitleid versucht sie das erbärmliche Morden an unschuldigen Frauen zu verhindern und lässt sich mit ihm vermählen. Mit ihrer Strategie, am Abend mit einem Märchen anzufangen und dieses erst im Morgengrauen enden zu lassen, entgeht Scheherazade dem geplanten Tod zur nächtlichen Stunde. Sie erzählt ihm tausendundeine Nacht lang Geschichten, die ihn so sehr besänftigen, dass er beschließt, das Töten aufzugeben. Scheherazade ist somit die Heldin der Geschichte und rettet zahlreichen Frauen das Leben. Sie flieht nicht vor ihrem Schicksal, sondern versucht es, auf ihre eigenwillige Art zu verändern. Eine der stärksten Wandlungen durchlebt die Sklavin Morgiane in „Ali Baba und die vierzig Räuber“, die durch ihre Scharfsinnigkeit sowie schnelle Handlungsfähigkeit Ali Babas Leben rettet. Sie verwischt die Zeichen der Räuber, deckt ihr Versteckspiel auf und räumt somit alle Intrigen aus dem Weg. Durch ihre tapferen und lebensrettenden Taten erlangt sie sozialen Aufstieg, indem sie freigelassen wird. Aus eigener Kraft bestimmt sie somit ihren Weg in die Freiheit und erweist sich als kluge, mutige und loyale Frau.

Überraschend, oder?

Das Bild der Frau in den europäischen Märchen wirkt total eingeschränkt. Es ist häufig ein unselbstständiger und hilfsbedürftiger Prototyp einer Frau aus den Märchen herauszulesen, welcher fernab jeglicher Emanzipation und Unabhängigkeit seinem vorgegebenen Leben nachgeht. Klugheit und Selbstbewusstsein scheinen charakterlich oftmals irrelevant zu sein. Der weibliche Charakter glänzt vor allem durch sein gutes Benehmen sowie seine stille Art. Der Mann, der der Frau physisch überlegen ist, hilft dem schwächeren Geschlecht in der Not und beweist sich als mutiger Akteur. Zum Dank seiner Tapferkeit, wird er mit der Liebe der Frau belohnt. Viele westliche Werke werden mit dem Motiv des stereotypischen Bildes der Romantik innerhalb einer Liebesbeziehung versehen. Die weiblichen Figuren in den orientalischen Märchen erweisen sich mehrheitlich als emanzipierter, rebellischer und kühner als ihre europäischen Leidensgenossinnen, welches im Kontrast zum verzerrten Bild der Frau im Nahen Osten steht. Die Frau in orientalischen Werken wirkt nicht nur durch ihre Schönheit und ihren Anmut, sie wird zusätzlich mit einem wachem Verstand und eigenwilligem Handeln versehen.

Links zu den Märchen orientalischen Märchen (die europäischen Märchen habt ihr bestimmt noch als Sammelband im Keller):

Das Basilikummädchen: Quelle Ali Baba und die 40 Räuber: Quelle Wie die schöne Scheherazade den wilden Sultan zähmte: Quelle

 
Ilayda Kaplan
Contributor
Ilayda fängt ihre Gedanken und Ideen mit der Kamera ein und macht sie für Außenstehende sichtbar. Sie organisiert Fotoshootings und gibt ihre Fotografie Erfahrungen an Kinder weiter. Nebenbei studiert sie Kulturwissenschaften und pendelt zwischen Frankfurt Oder und Berlin.