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3 Fragen an … Ramadan-Special

By KuKü – Redaktion – Interview

„3 Fragen an…“ wird künftig eines unserer neuen Interview-Formate sein. Unterschiedliche Menschen, die ihre Gedanken und Meinungen zu Themen einbringen, die uns beschäftigen. Und weil’s bei manchen von uns momentan ein Thema ist, eröffnen wir die Runde mit einem „3 Fragen an…“ – Ramadan-Special. Afiyet olsun! Enjoy!


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Pelin und Zafer,
beide 29 Jahre, aus Istanbul

KuKü: Was bedeutet Euch der Fastenmonat Ramadan?
Pelin: Pide! (Anm. der Red.: türkisches Fladenbrot, besonders beim Fastenbrechen essentiell) Also als ich jünger war, fand ich Ramadan noch wichtiger, aber jetzt…
Zafer: Na ja, als Kind bedeutete Ramadan für mich nur hungrig zu sein. Aber die wahre Bedeutung von Ramadan habe ich erst mit dem Älterwerden verstanden. Es ist nämlich so: Der Körper muss  sich irgendwann mal ausruhen. Dieses Fasten ist wie ein Update für den Körper. Andere Leute machen Fleischdiäten und so ’nen Kram, aber Fasten ist anders: Nach einem Monat Detox, Ausruhen, Verzicht und Stretchen – Namaz (Anm. der Red.: das muslimische Gebet, fünf Mal am Tag)  – das ist ja im Grunde wie so ein Sonnengruß beim Yoga – geht es einem besser. Der ganze Stress lässt nach. Und im Koran sagt uns Allah, wenn wir die Regeln des Fastens einhalten, dann ist das wie eine Gebrauchsanweisung, damit es eurem Körper besser geht. Er sagt, wir sollen auf unseren Körper Acht geben.

Was ist das schönste, das ihr mal an Ramadan erlebt habt?
Zafer: Ich erlebe immer wieder schöne Dinge. Pide, vor allem! (lacht).  Ich finde auch, dass viele Leute  im Ramadan irgendwie aktiver sind und sich versuchen mit Freunden zu treffen. Das ist eine sehr schöne Atmosphäre. Mir geht das auch mit meiner Familie so: Ich sehe sie kaum noch, obwohl wir in einer Stadt leben. Aber während des Ramadans bemühen wir uns alle und sehen uns viel mehr.
Pelin: Also in meiner Familie fastet ja niemand. Daher ist das alles nicht so wichtig für mich. Aber generell halten die Leute während des Ramadans mehr zusammen. Sie bieten sich gegenseitig Essen an und versuchen weniger aggressiv zu sein.
Zafer: Aber im Endeffekt sind sie viel aggressiver als sonst, weil sie Hunger haben (lacht).

Und was nervt euch an Ramadan?
Pelin: Ich finde ja, wenn man fastet sollte man das für sich tun und nicht anderen Menschen aufzwängen. Aber seit einigen Jahren fühle ich mehr Druck. „Warum fastest du nicht?“, wird man immer wieder gefragt.
Zafer: Wer fragt das?
Pelin: Naja, so generell, die Leute.
Zafer: Mir ist das noch nie passiert! Dir?
Pelin: Mir persönlich auch nicht, aber mir wurde es schon erzählt. Ach doch, als ich noch in der Schule war, ist es mir tatsächlich auch mal passiert.
Zafer: Hm. Also mich nervt nur die Abhängigkeit von Dingen: wir sind abhängig von Essen, Trinken, Frauen, Drogen und so weiter. Und wenn man dann mal aufhört, also fastet, dann werden alle aggressiv. Teilweise wegen komplett unwichtigen Dingen, das ist dann schon komisch. Deshalb faste ich dieses Jahr auch zum ersten Mal nicht. Denn wir haben im Büro darüber abgestimmt und gemeinsam beschlossen, dass keiner fastet, weil es nur zu Streit führt. Ich faste dieses Jahr daher nur am Wochenende.

Interview und Foto: Charlotte Watermann

 



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Muhammad Abunnassr,
24 Jahre, kommt aus Damaskus, lebt aber seit zwei Jahren in Istanbul

KuKü: Was bedeutet dir der Fastenmonat Ramadan?
Als ich klein war, war Ramadan für mich ein Monat, der ganz anders war als die anderen Monate im Jahr, irgendwie besonders. Die Familie kam zusammen, wir hatten immer gemeinsame Fastenbrechen am Abend oder sahur (Anm. d. Red.: Essen vor Tagesanbruch im Fastenmonat), was man ja außerhalb von Ramadan nicht macht. Ich habe meine Familie allerdings schon seit drei Jahren nicht mehr sehen können (Anm. der Red.: Muhammads Familie ist in Syrien) und inzwischen empfinde ich Ramadan und das Fasten eher als etwas, das ich machen muss und es fällt mir sehr schwer, auch weil die Tage momentan so lang sind.

Was ist das schönste, das du mal an Ramadan erlebt hast?
Eigentlich die Zeit, als ich klein war und gelernt habe wie man fastet. Denn als Kind fastet du ja nicht einfach den ganzen Tag, sondern erst mal nur von einem Gebet zum nächsten, also nur für zwei, drei Stunden. Und ich erinnere mich an einen Koran-Wettbewerb, an dem ich im Ramadan teilgenommen habe. Ich habe den ersten Platz belegt und umgerechnet 50 Dollar gewonnen. Das war so cool! Denn das war ja so viel Geld für ein Kind und meine Mutter war echt stolz auf mich.

Was nervt dich an Ramadan?
Die langen Tage. 17 Stunden fasten, das ist echt Wahnsinn. Es bringt meinen Lebensrhythmus ganz schön durcheinander. Ich kann keinen Sport mehr machen oder mich Abends mit Freunden verabreden, weil ich nach dem Fastenbrechen so müde werde. Und was mich noch nervt, ist der krasse Fernsehkonsum vieler Menschen während Ramadan. Im mittleren Osten ist Ramadan mittlerweile echt zum Monat der TV-Shows und -Serien geworden – und die Leute ziehen sich das alles rein. 

Interview und Foto: Katharina Willinger


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Ferhat Karabeyaz
29 Jahre, geboren und aufgewachsen ist Ferhat in Stuttgart, seit zwei Jahren lebt er in Istanbul

KuKü: Was bedeutet dir der Fastenmonat Ramadan?
Ferhat: Enthaltsamkeit, Zurückhaltung, Teilen, Katharsis, also Reinigung – und auf der anderen Seite das gemeinsame Miteinander, das gemeinsame Fastenbrechen, also das gemeinsame Regenerieren. Auch wie man spürt, dass man über eine gewisse Zeitspanne zwar echt konzentriert ist, es dann aber anfängt abzuebben  – und die letzten zwei Stunden kommen schon fast einer Trance gleich. Das sind alles Dinge, die mir am Ramadan gefallen.

Was ist das schönste, das du mal an Ramadan erlebt hast?
Mein schönstes Erlebnis? Das, was wir momentan hier haben (Anm. der Red.: Wir treffen Ferhat bei einem öffentlichen Iftar, dem Fastenbrechen, in Istanbul) Es ist wunderbares Wetter, obwohl für heute Regen angesagt war und es ist wunderbar voll hier. Das Essen war sehr gut und auch die Gesellschaft. Ich spüre, die Menschen sind gelockert und nicht so hastig wie sonst. Das hat mir heute sehr gut gepasst, vor allem nach meiner stressigen Woche.

Was nervt dich an Ramadan?
Kurz und knackig: die Warteschlangen vor der Bäckerei, wenn du Brot holst. Das kann bis zu einer Stunde dauern und dabei krepierst du halb, weil du noch nach Hause musst, um das Zeug abzuliefern.

Interview & Foto: Philipp Siegel

 


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Merve Gül,
25 Jahre, lebt in Stuttgart

KuKü: Was bedeutet Dir der Fastenmonat Ramadan?
Merve Gül: Der Fastenmonat bedeutet für mich, sich nur auf das Wesentliche zu fokussieren. Was für wen in welcher Form wesentlich ist, ist natürlich jedem selbst überlassen. Ich versuche mich so gut es geht von allem materiellen und spirituellen Überfluss zu verabschieden. Z.B. der übermäßige Konsum an Essen (auch beim Iftar liebe Freunde!), Kleidung, Musik, soziale Medien etc., aber auch das Beiseitelegen von irdischen Ängsten, negativen Gedanken oder unbedachten Worte. Ramadan ist eine schmerzhafte und erfreuliche Zeit zugleich. Schmerzhaft deshalb, weil Selbstreflexion immer irgendwo schmerzhaft ist. Erfreulich deshalb, weil der Schmerz durch das Zusammentreffen mit unterschiedlichen Menschen, die ähnliche Gedanken haben, geheilt wird.

Was ist das schönste, das du mal an Ramadan erlebt hast?
Ein spezielles Ereignis gab es noch nicht, aber was ich immer wieder verspüre, ist Einheit und Dankbarkeit. Menschen, die normalerweise allein ein Stück Brot nach der Arbeit kauen müssten, sitzen an einem liebevoll gedeckten Tisch bei guter Gesellschaft. In diesem Moment macht sich für mich aber auch Liebe und Fürsorge bemerkbar.

Was nervt dich an Ramadan?
Ich nerve mich selbst. Immer wenn ich von mir behaupte, ich sei tolerant, werde ich in meiner Toleranz geprüft und merke doch wie weit der Weg für mich selbst ist. Vor allem betrifft das meine Erwartungen gegenüber der muslimischen Community. Immer wieder ein Schlag in die Fresse, wenn man sich selbst dabei erwischt, moralisch zu policen, obwohl man moralische Bevormundung überhaupt nicht ausstehen kann. Ich muss noch eine Menge lernen, nicht nur was Kommunikation angeht, sondern auch meine wütenden oder vermeintlich gerechten Gedanken zu kontrollieren.

Interview: Ömer Mutlu
Foto: Privat

 


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Numan Acar
43 Jahre, Schauspieler, lebt in Berlin

KuKü: Was bedeutet Dir der Fastenmonat Ramadan?
Numan: Die besinnliche Zeit mit Familie und Freunden zu zelebrieren.
Sich in unserer konsumorientierten, schnelllebigen Gesellschaft dem Verzicht, der Bescheidenheit und der Demut hinzugeben und damit glücklich zu sein. Ganz egal, ob man tatsächlich fastet oder nicht.

Was ist das schönste, das du mal an Ramadan erlebt hast?
Das war 2012. Während des Fastenmonats war ich in Amman, Jordanien. Nach dem Dreh haben wir am Set mit allen gemeinsam das Fastenbrechen begangen. Es war sehr schön, dass alle das gleiche aßen und alle Spaß daran hatten, gemeinsam Teil einer schönen Tradition zu sein. Egal, woher man kommt oder welcher Religion man angehört. Wir waren ca. 150 Filmschaffende aus 20 Ländern. Du gehörtest einfach dazu, weil du es respektiert hast. Das war wirklich schön!

Was nervt dich an Ramadan?
Mich nerven Menschen, die ständig klagen und jammern. Bitte seid kreativ und versucht, einen Weg zu finden. Die Klage ist eine geistige Sackgasse. Alles unter Druck und Zwang oder als Verpflichtung ausgeübte, kann nicht dem Glauben dienen. Glaube wird von Liebe genährt. Und Liebe funktioniert nicht mit Druck und mit Verpflichtung.

Interview: Ömer Mutlu
Foto: Instagram


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Kenan und Merve
beide 19 Jahre, aus Istanbul

KuKü: Was bedeutet Euch der Fastenmonat Ramadan?
Kenan: Ehrlich gesagt spricht uns Ramadan nicht wirklich an. Unsere Familie fastet. Sie übt aber keinen Druck auf uns aus, damit wir auch fasten. In der jüngeren Generation findet man – egal wo man hinsieht – nicht so viele Leute, die fasten. Der Anteil der Fastenden ist stark gesunken. Und wir leben in einem Zeitalter, wo gerade junge Menschen angefangen haben, die Lebensweise der Anderen viel stärker zu respektieren.

Was ist das schönste, das ihr mal an Ramadan erlebt hast?
Da unsere Familien fasten, versuchen wir, zur selben Zeit mit ihnen zu essen. Wir setzen uns gemeinsam an den Tisch. Draußen (Anm. der Redaktion: Wenn sie essen oder trinken während des Ramadan) sind wir jedoch leider immer noch oft den kritischen Blicken von Menschen ausgesetzt – für sie scheinen die Gründe, warum wir nicht fasten, sehr wichtig zu sein. Ich halte es aber nicht für nötig, dass ich mich dafür rechtfertige, schließlich ist es meine Sache wie ich meinen Glauben lebe.

Was nervt Euch an Ramadan?
Ehrlich gesagt, gibt es eigentlich nichts, das wir ändern würden. Aber vielleicht würde ich daran etwas ändern, wie sich Menschen gegenseitig respektieren.

Interview: Melike Cömlek
Übersetzung: Özkan Çetinkaya
Foto: Filiz Sieben


 

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Kübra Gümüşay
28 Jahre alt, Journalistin und Bloggerin, lebt in Hamburg

KuKü: Was bedeutet Dir der Fastenmonat Ramadan?
Kübra: Das Fasten eröffnet mir in jedem Jahr eine ganz neue Form von Ruhe, inneren Frieden, Disziplin und vor allem: Spiritualität. Mit jedem Jahr bin ich dankbarer für diesen Monat, mit jedem Jahr schätze ich ihn mehr, genieße ihn mehr und lerne durch ihn mehr.

Was ist das schönste, das du mal an Ramadan erlebt hast?
In diesem Jahr war es (bisher) das erste Taraweeh-Gebet, das in unserem neuen Zuhause gebetet worden ist. Es war, als sei der Raum, das Heim plötzlich mit Segen und Leben gefüllt und erfüllt worden.

Was nervt dich an Ramadan?
Früher nervte mich der Essensfokus, aber seitdem ich versuche meinen Fokus auf andere Dinge zu lenken (Spiritualität, das Beisammen sein, das Spüren und Erleben von – wenn auch nur kurzweiligem – Hunger etc.), erlebe ich dieses aufs Essen zentrierte Leben nicht mehr. Überhaupt, ich habe in diesem Jahr kaum Dinge erlebt, die mich in der vergangenen Jahren sehr störten: Das Verurteilen derer, die nicht fasten; der Mangel an feierlichen Orten, zu denen solche ohne Familie oder Gemeinden Zugang haben und viele andere Missstände. Nicht dass es diese Probleme nun nicht mehr gibt – aber ich erlebe in meinem Umfeld ein starkes Bewusstsein dafür und das Bemühen, diese Probleme zu lösen.

Interview: Ömer Mutlu
Foto: Elif Küçük


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Fatma,
61 Jahre, aus Gümüshane (Nordost-Türkei)

KuKü: Was bedeutet dir der Fastenmonat Ramadan?
Fatma: Wer fasten will, der fastet –  und wer nicht, der halt nicht. Keiner hat aber das Recht, wegen des Fastens auf andere Druck auszuüben. Wir sind alevitischer Abstammung (Anm. der Redaktion: die Fastenzeiten der Aleviten unterscheiden sich von denen des sunnitischen Islams). Meine Mutter hat früher gefastet und wir haben das von ihr übernommen. Meine Mutter fastete neun Tage, ich faste nun drei Tage. Ich finde, sich gegenseitig zu respektieren, das sollte die oberste Regel für das Zusammenleben in einem Land sein. Wenn man sich respektiert, kann man in der Gesellschaft alles zusammen schaffen.

Was ist das schönste, das du mal an Ramadan erlebt hast?
Ich lade meine Nachbarn oft zum iftar (Anm. d. Redaktion: das Fastenbrechen)  ein. Sie bringen dann auch Essen mit, das sie selbst zubereitet haben. Wenn wir uns mal nicht treffen können, dann legen sie von den selbst gemachten Dingen einen Teller für uns beiseite.

Was nervt dich an Ramadan?
Für uns sind eigentlich alle Monate gleich. Ich versuche stets mit Respekt, Liebe und Ehrlichkeit zu leben.

Interview: Melike Cömlek
Übersetzung: Özkan Çetinkaya
Foto: Filiz Sieben

KuKü – Redaktion
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